Die Jahre der Toten: Roman (German Edition)
und putzte weiter.
Julie saß auf dem Boden. Sie hatte den Kopf an einen Spind gestützt und verwendete ihre Häftlingskleidung als Kissen. Sie döste vor sich hin, wachte auf, döste weiter. Das Morphium hatte ihren Husten fürs Erste eingeschläfert.
Anna stand an der Wand vor den Landkarten und schaute sich die Welt außerhalb des kleinen Raumes an. Wie man es auch betrachten mochte: Bevor sie aus der Stadt heraus waren, mussten sie noch einen Haufen Mist überwinden. Sie sah drei verschiedene Wege, die durch die Katakomben führten, doch alle endeten an Einrichtungen, die wahrscheinlich mit Leuten besetzt waren, die ihnen, wenn sie dort auftauchten, die falschen Fragen stellen würden. Zu viele Probleme, zu wenig Pausen.
Doch für eine Weile waren sie hier sicher. Sie hatten Proviant, Wasser und Schutz. Es ging ihnen viel besser als den meisten Menschen außerhalb der vier weißen Wände dieses Raumes. Anna wusste jedoch, dass sie von hier verschwinden und sich dem Krieg hinzugesellen mussten.
Doch zuerst mussten sie sich ausruhen und neu formieren– und auf eine Feuerpause warten.
ACHTER TEIL
AUSGEBRANNT
USS Ramage
19 . Januar 2007
15 . 45 Uhr
Private First Class Ewan Brewster machte sich bezüglich seiner Gesundheitsaussichten allmählich Sorgen. Die Seuche hatte ihn zwar noch nicht erwischt, aber das war keine Garantie dafür, dass er auch in ein paar Stunden noch auf den Beinen stand. Die Lage in der Quarantänestation hatte den Siedepunkt erreicht. Einige Stunden zuvor hatte Brewster einen Klappstuhl zertreten und sich aus den Metalltrümmern eine sehr böse aussehende Keule gebastelt. Nun saß er mit dem Rücken in einer Raumecke und behielt seine Kameraden im Auge. Er wartete nur darauf, dass sich jemand rührte.
Dass sie einander nicht trauten, war nicht das Problem. Vertrauen war ziemlich gut etabliert in einer Gruppe, die schon so viel durchgemacht hatte wie die ihre. Das Problem war, dass sie nicht wussten, wer von ihnen durchdrehen würde. Und es war inzwischen auch verdammt unmöglich zu erkennen, wer ernstlich erkrankt war, denn alle hier im Raum hatten sich vor zwei Tagen fast zeitgleich eine üble Magengrippe zugezogen. Laut Rebecca konnte es eine Lebensmittelvergiftung sein. Das war möglich, wenn man bedachte, dass alle die gleichen Rationen bekamen. Es war, als hätte Gott höchstpersönlich beschlossen, den Soldaten in die Suppe zu spucken.
Normalerweise hätte man leicht erkennen können, wer unter dem Einfluss des Erregers stand. Ein Infizierter würde husten, sich schütteln, Fieber bekommen, sich vielleicht übergeben– und dann mittendrin durchdrehen. Doch nun, da alle die Grippe hatten, hustete jeder, hatte jeder Fieber und kotzten alle miteinander in jeden Behälter, der in der Nähe war. Und da auch der Hüttenkoller in ihnen randalierte– die Männer waren nun seit einer Woche im gleichen Raum eingesperrt–, war die allgemeine Feindseligkeit natürlich gestiegen. Am Ende, nach einem besonders wütenden Brüllgefecht, hatten sie beschlossen, sich gegenseitig den Rücken freizuhalten und einander zu überwachen.
Brewster schätzte seine Überlebenschancen nicht sehr hoch ein, denn er war unbewaffnet und möglicherweise mit einem Überträger im gleichen Raum. Er setzte inzwischen auf Decker, denn der Sergeant war heute noch gereizter als die anderen. Brewster wischte sich mit dem Handrücken über die Brauen und schüttelte den Kopf, um seine Schläfrigkeit abzuschütteln. Er hatte einen Tag lang nicht geschlafen, und der zweite war auch schon halb vergangen. Schlafen war zu gefährlich.
» Fühlst du dich erschöpft, Brewster?«, fragte Decker. Er lag auf seiner Koje, hatte die Arme über seinem fleckigen T-Shirt verschränkt und atmete schwer. » Hast du das Gefühl, du könntest nicht mehr?«
» Leck mich, du Arsch«, brummte Brewster in seiner Ecke. Er schwang seine Keule und sank wieder in sich zusammen.
» Für jemanden, der nicht infiziert ist, bist du ganz schön feindselig«, bemerkte Decker.
» Lass ihn in Ruhe, Sergeant, er ist müde«, sagte Scott. » Wir sind alle müde.« Er lag neben der Tür, mit dem Rücken zur Wand.
Decker grunzte eine kaum verständliche Antwort und zuckte die Achseln.
Die Spannung war hoch. Scott sorgte sich weniger um den Erreger als um seine Kameraden, die sich vielleicht irgendwann vor Angst und Belastung gegenseitig zerrissen. Falls einer den Erreger in sich trug, musste es sich bald zeigen…
***
» …von null bis
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