Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)
falls es notwendig wäre. Dann hörte sie trampelnde Schritte in ihrem Rücken.
» Der Vescomte geht hinaus, um eine Übereinkunft auszuhandeln. Er wird von einem Kreuzfahrer abgeholt, mit dem er angeblich verwandt ist und der ihm sicheres Geleit versprochen hat « , rief Jacint, die nur zurückgeblieben war, weil ihr Kesselflicker Angst vor engen Räumen hatte und weil sie selbst nach Mabiles Aussage Schwierigkeiten hätte, durch ebendiesen engen Raum zu kriechen. » Vielleicht ist die Belagerung bald vorbei. «
Adelind band schnell ihr Kopftuch fest und lief auf die Straße, gefolgt von Hildegard, Rosa, Olivette und Samuel. Mabile war noch nicht zurückgekehrt, vermutlich besprach sie sich mit ihrem Cousin. Zwischen drängenden, schubsenden, weinenden und flehenden Menschen sah sie den jungen Edelmann auf seinem hohen Ross durch die Gassen reiten, aufrecht und stolz, als sei er voller Zuversicht. Sie erinnerte sich an sein müdes, trauriges Gesicht bei ihrer einzigen Unterredung, sprang hoch und versuchte zu winken, um ihm Mut zuzusprechen. Nun hatte sie nicht einmal mehr Gelegenheit, ihm von dem geheimen Gang zu erzählen, aber vielleicht wäre er auch bald schon unwichtig.
Die Pòrta Narbonesa öffnete sich, um den Herrn der Stadt nach draußen zu lassen. Dorthin, wo noch frisches Wasser floss und der Blick in endlose Weiten fliehen konnte, doch auch in das Lager des feindlichen Heeres.
15. Kapitel
D er Vormittag verstrich mit angespanntem Warten. Adelind schien es, als seien die Laute des Klagens und Flehens dringlicher geworden, was vielleicht auch daran lag, dass selbst die Weinvorräte der Stadt allmählich zur Neige gingen. Sie ließ das Ritual des gemeinsamen Brotbrechens und Betens wieder aufleben, diesmal zusammen mit allen Insassen des Spitals, die tatsächlich Zuversicht zu schöpfen schienen. Ursanne strahlte, als sie die Brotstücke verteilte, denn für einen Augenblick schien alles wie früher.
Immer wieder lief Adelind zur Pòrta Narbonesa, um herauszufinden, ob der Vescomte bereits zurückgekehrt war. Doch die Wachen schüttelten nur stumm den Kopf. Sie fragte sich, ob es nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, dass die Verhandlungen so lange dauerten. Um die hora nona tauchte Mabile wieder auf und flüsterte in Adelinds Ohr, dass die Flüchtlinge in Sicherheit seien. Dann machte sie sich gemeinsam mit Samuel daran, Verbände zu wechseln. Adelind sah die beiden tuscheln und gestikulieren. Der Junge lebte in Mabiles Nähe auf, wurde selbstbewusster und energischer, während er jenes Wissen weitergab, das sein Vater ihn einst gelehrt haben musste.
Als es zu dämmern begann, versammelten sie sich nochmals zum gemeinsamen Gebet, an dem auch Samuel teilnahm. Jacint trug gebratene Forelle und Gemüse auf. Dazu wurde das letzte Weinfass angezapft. Sie konnten das Getränk genießen, denn dank Mabile hatten sie nicht den ganzen Tag lang unter Wassermangel gelitten. Adelind fühlte, wie sich ihr Körper wohlig entspannte. Morgen käme der Vescomte sicher zurück, und sie würden erfahren, in welcher Lage sie sich nun befanden.
Kurz bevor sich die Gemeinschaft auflöste, um schlafen zu gehen, klopfte es an der Tür. Eine kleine, blasse Magd huschte herein.
» Agnès de Monpeslier, die Gemahlin des Vescomte de Trencavel, wünscht die Herrin dieses Hauses zu sehen « , flüsterte sie. Adelind hatte keine Zeit mehr, sich Sukenie und Schleier überzuziehen, denn sie brannte vor Verlangen, Neuigkeiten zu erfahren.
» Ist der Vescomte auch wieder hier? « , fragte sie das Mädchen, während sie gemeinsam durch die Gassen huschten und über reglose Körper schlafender Flüchtlinge stiegen. Die Magd antwortete nicht, hielt nur den Kopf gesenkt und schubste Adelind energisch durch das Eingangstor zum Palast. Dann ging es nochmals über den Hof und ein paar Stufen hinauf. Bald schon erkannte Adelind die Wandmalereien des fürstlichen Empfangssaals, nun von Kerzen erhellt, wodurch die Farben an einigen Stellen intensiver zu werden schienen, während weite Teile der Gemälde im Schatten lagen. Agnès de Monpeslier saß nun auf dem Stuhl mit Löwenköpfen an den Lehnen, die ihre Hände kindlich winzig machten.
Adelind beugte die Knie.
» Ihr wolltet mich sehen, Dòna. «
Wieder bemerkte sie, wie auffallend hübsch Agnès war, wenn auch um einiges blasser als bei ihrer ersten Begegnung, was an dem spärlichen Licht liegen mochte. Ihr Gewand aus roter, mit goldenen Borten verzierter Seide wies unterhalb
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