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Die Kluft: Roman (German Edition)

Die Kluft: Roman (German Edition)

Titel: Die Kluft: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Doris Lessing
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denn das waren die ehemaligen Ungeheuer im Tal. Es handelte sich dabei um blühende, angenehme, sorgenfreie Gemeinwesen, die für lange Zeit unter dem Schutz der Adler standen. Und damit hatten die Aufzeichnungen ein Ende. Doch wir müssen uns in Erinnerung rufen, was genau aufgehört hat. Wenn die Geschichte auf mündlichen Berichten beruhte, auf einem
Gedächtnis
oder
Gedächtnissen
, dann war es kein einfacher Prozess, der hier an sein Ende kam. Zunächst muss eine Gemeinschaft, ein Volk, nämlich entscheiden, welche Art von Chronik geführt werden soll. Wir alle wissen, dass es beim Erzählen oder Nacherzählen eines Ereignisses oder einer Folge von Ereignissen so viele Schilderungen wie Erzähler gibt. Ein Ereignis soll aufgezeichnet werden. Wer auch immer dafür zuständig ist, muss also entscheiden, ob diese oder jene Version dem allgemeinen Gedächtnis eingeprägt werden soll. Der Bericht muss eingeübt werden, und wir dürfen uns die Zeit mit der Vorstellung vertreiben, wie das vor sich gegangen sein mag, langwierig und erbittert oder zumindest im Streit. Wessen Version der Ereignisse wird von den
Gedächtnissen
dem allgemeinen Gedächtnis überliefert? Irgendwann ist der Bericht, die Historie dann so weit fertig, dass niemand mehr darüber streiten will. Dann folgt der Prozess des Zuhörens, bei dem die Historie laut vorgetragen wird. Irgendwo in einer Höhle? Zumindest ein Stück weit weg vom Rauschen des Meeres oder vom Wind, der den Wald durchweht. Der Bericht wird vorgetragen und in den Geist von wahrscheinlich mehreren
Gedächtnissen
eingeschrieben. Und in bestimmten Abständen bittet jemand oder bitten mehrere darum, dass die Historie noch einmal vorgetragen wird, damit sie von denen geprüft werden kann, die alles durchlebt haben. Ist der Bericht noch da? Ist er auch nicht getrübt? Ist nichts in Vergessenheit geraten? Und dann wird der geprüfte und bestätigte Bericht sorgfältig den Nächsten in der Reihe erzählt, um die Historie des Stamms, des Volkes zu bewahren. Ein langwieriger Prozess, nicht wahr, und einer, der alle einbezieht.
    Nein, wenn man recht überlegt, ist mündlich erzählte Geschichte zwangsläufig die Schöpfung und mithin das Eigentum eines Volkes. Man stelle sich zum Beispiel vor, wer sich wie darauf verständigte, den Streit zwischen Alten Weiblichen Wesen und Maire aufzuzeichnen, wer auch immer in jener Zeit diesen Namen getragen haben mag. Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Alten Weiblichen mit Maires Version der Ereignisse nicht einverstanden gewesen wären. Wer entschied darüber, dass diese oder jene Spalte und nicht eine oder mehrere andere die Historie bewahren sollten? Und dasselbe trifft auf unser Volk zu, auf die Jungen. Unsere Aufzeichnungen waren voller Anekdoten, voller genau erinnerter Ereignisse, in denen auch die Alten Weiblichen Wesen vorkamen, die sicher nie auch nur mit einem einzigen Wort einverstanden gewesen wären, auf das wir uns geeinigt hatten.
    Also halten wir fest, dass sowohl die Spalten als auch wir mit aller gebührenden Aufmerksamkeit und Sorgfalt Aufzeichnungen geführt haben, und zwar – da haben wir es – für Ewigkeiten. Für lange Zeit. Doch was geschah dann?
    Manche glauben, dass der Bericht fortgesetzt wurde, immer weiter, ohne dass sich viel veränderte – so lange, bis die Chronisten in jenen Ton verfielen, der häufig anzeigt, dass Zeit vergeht; wenn man beispielsweise hört: »Normalerweise taten sie …«, »Sie hatten die Gewohnheit …«, »Oft gingen (kamen, machten, sagten, vereinbarten) sie …« – Sätze, die eine stetige Überzeugung oder Gewohnheit zum Ausdruck bringen. Und ich stimme mit anderen Historikern darin überein, dass sehr viel Zeit verging und dass Generationen von Chronisten, von
Gedächtnissen
, ausstarben und aus irgendeinem Grund kein Versuch unternommen wurde, den Prozess der Aktivierung gemeinschaftlicher
Gedächtnisse
noch einmal in Angriff zu nehmen.
    Doch wir haben uns geirrt, denn es gab im Leben beider Gemeinschaften eine Unterbrechung, die so schwerwiegend war, dass die ruhige und unmerkliche Entwicklung beider zum Stillstand kam.
    In beiden Historien wird die Katastrophe zuerst mit dem Wort »Lärm« benannt. »Als der Lärm begann …«, »Der Lärm ging weiter …«, »Wir wussten nicht, was den Lärm verursachte, und einige von uns wurden sogar verrückt …«
     
    Tatsächlich war der »Lärm« ein Wind, der wohl aus dem Osten kam und so stark, so übermächtig war,

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