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Die Landkarte der Zeit

Titel: Die Landkarte der Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Félix J. Palma
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Andrew ebenso fasziniert wie entsetzt konkrete Einzelheiten wahr, wie den dunkelbraunen
     Klumpen zwischen ihren Beinen, der vielleicht die Leber war, oder die Brust auf dem Nachtschränkchen, die er dort, fern der
     Stelle, an die sie gehörte, für einen frischgebackenen Windbeutel gehalten hätte, wäre sie nicht von der dunkelvioletten Brustwarze
     gekrönt gewesen. Alles schien mit außerordentlicher Umsicht drapiert worden zu sein und kündete von der schrecklichen Kaltblütigkeit,
     mit der der Mörder vorgegangen war. Sogar die Wärme in dem Zimmerchen, die er jetzt erst wahrnahm, deutete darauf hin, dass
     das Ungeheuer sich die Zeit genommen hatte, ein Feuerchen anzuzünden, damit er es bei der Arbeit schön warm hatte. Andrew
     schloss die Augen. Er hatte genug gesehen. Der Mörder hatte ihm nicht nur gezeigt, zu welcher |88| Grausamkeit der Mensch fähig war, welche scheußlichen Dinge er seinen Mitmenschen anzutun vermochte, so er über ausreichend
     Zeit, Vorstellungsvermögen und ein scharfes Messer verfügte, sondern ihm auch eine brutale Lektion in menschlicher Anatomie
     gegeben. Zum ersten Mal wurde Andrew bewusst, dass das Leben, das wirkliche Leben, nichts damit zu tun hatte, wie einer seinen
     Tagesablauf gestaltete, nichts mit küssenden Lippen, nichts mit Medaillen, die man verliehen bekam, oder mit den Schuhen,
     die einer flickte. Das Leben, das wirkliche Leben, verlief still in unserem Inneren, strömte dahin wie ein unterirdischer
     Fluss, ereignete sich als lautloses Wunder, dessen einzige Zeugen Chirurgen und Gerichtsmediziner waren und vielleicht noch
     dieser erbarmungslose Mörder. Sie allein wussten, dass die Königin Victoria nichts von dem armseligsten Bettler Londons unterschied
     – letztendlich waren sie gleich: ein komplexer Mechanismus, bestehend aus Knochen, Organen und Gewebe, zum Leben erweckt durch
     den Atem Gottes.
    Und schließlich tauchte in dem Nebel aus Abscheu und Schmerz das schlechte Gewissen auf, denn als Nächstes gab Andrew sich
     die Schuld am Tod seiner Geliebten. Er hätte sie retten können, aber er war zu spät gekommen. So bezahlte er den Preis für
     seine Feigheit. Ein ohnmächtiges Stöhnen entrang sich seiner Brust, als er sich Marie Kelly unter der barbarischen Folter
     vorstellte. Dann wurde ihm klar, dass er verschwinden musste, bevor ihn jemand sah, wenn er nicht mit dem Verbrechen in Verbindung
     gebracht werden wollte. Es konnte sogar sein, dass der Mörder noch in der Nähe war, aus einem Versteck heraus sein makabres
     Werk bewunderte und keinen Moment zögern würde, seinem |89| Opfer noch ein weiteres hinzuzufügen. Er warf Marie Kelly einen letzten Blick des Abschieds zu, wagte aber nicht, sie zu berühren,
     und zwang sich mit großer Willensanstrengung, aus dem Zimmer zu gehen und sie dort zurückzulassen.
    Ihm war, als ginge er auf Watte, als er die Tür hinter sich schloss und alles zurückließ, wie er es vorgefunden hatte. Er
     suchte den Ausgang aus dem Hinterhof, doch mit einem Mal wurde ihm so übel, dass er es kaum bis zum Torbogen schaffte. Dort
     sank er auf die Knie und übergab sich unter heftigem Würgen. Nachdem er alles erbrochen hatte, was in ihm war, und außer dem
     Alkohol, den er in dieser Nacht getrunken hatte, war das nicht viel, rappelte er sich auf und lehnte seinen kraftlosen, sich
     eiskalt anfühlenden Körper an die Wand. Aus dieser Stellung heraus konnte er das Zimmer Nr.   13 sehen, das Paradies, in dem er so glücklich gewesen war und welches jetzt den zerstückelten Leib seiner Geliebten vor der
     Nacht verbarg. Er tat ein paar Schritte und stellte fest, dass er wieder genügend bei Kräften war, um nicht umzufallen, dann
     taumelte er auf die Dorset Street hinaus.
    Er war viel zu zerrüttet, um sich orientieren zu können, stolperte schluchzend und wimmernd durch die Gassen. Er suchte nicht
     einmal die Kutsche, denn da er jetzt wusste, dass er zu Hause nicht mehr aufgenommen wurde, hätte er Harold gar kein Fahrtziel
     nennen können. Er überließ sich blind dem Willen seiner Füße. Als er das Gefühl hatte, Whitechapel hinter sich gelassen zu
     haben, suchte er eine menschenleere Gasse und sank zitternd und erschöpft zwischen Mülltonnen zu Boden. Wie ein Fötus zusammengekrümmt
     blieb er liegen und ließ das, was |90| von der Nacht noch übrig war, verstreichen. Sein Schmerz nahm in dem Maße zu, wie die Benommenheit von ihm abfiel. Sein Jammer
     steigerte sich zu körperlichem Leiden. Es war ein

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