Die Legenden der Albae: Tobender Sturm (Die Legenden der Albae 4) (German Edition)
entfachen?« Ôdaiòn klang sehr amüsiert. »Man erzählt sich, Ihr seiet hübsch.«
Irïanora wurde von der Offenheit überrumpelt. »Ich verstehe nicht ganz …«
»Eure Freundin berichtete uns von Euch. Und aus dem Gehörten ist für mich nicht schwer abzuleiten, um was es Euch wirklich ging, als Ihr die armen Seelen den Tronjor hinabsandtet, um ihn vermessen zu lassen.« Er lachte auf und küsste ihren Handrücken behutsam. »Vermessen, ganz köstlich! Ihr seid wahrlich begabt. Ihr solltet auf unsere Seite wechseln.«
Irïanora wusste nicht, was sie denken sollte. Sie befand sich auf dem Weg, Rechenschaft vor der Herrscherin der Erhabenen abzulegen, gleichzeitig versuchte ihr Sohn sie dazu zu bewegen, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Eine Probe, würde ich sagen.
»Sollte ich? Kein zu schlechter Gedanke. Aber nur, wenn die Gerüchte um Eure Flotte wahr sind, die sich angeblich versteckt in der Insel befindet«, konterte sie gewinnend. »Ich bin es gewohnt, auf der siegreichen Seite zu stehen.«
Ôdaiòn blieb stehen, ließ ihre Hand los und deutete eine Verbeugung an, applaudierte lautlos. »Ihr seid hinreißend«, gestand er ihr. »Schlau, anziehend und schlagfertig. Auch die Sache mit den beiden Morden an Bord des Schiffes – unglaublich.«
Irïanora wurde heiß, und sie schwieg verunsichert, während er wieder ihre Finger ergriff und den Weg fortsetzte. Er … kann es nicht wissen. Sie bedachte ihn mit einem raschen Seitenblick. Er prüft mich immer noch. »Ich fand es bedauerlich«, erwiderte sie.
»Ist das so?« Damit ließ er es bewenden.
Sie atmete auf. Er wollte mich aufschrecken wie einen Vogelschwarm bei der Jagd. Irïanora lächelte erlöst. Nicht mit mir.
Sie gingen durch das Portal und gelangten in eine Halle, in welcher die gewaltigen Knochen eines Fisches als Säulen dienten, schwenkten zu einem Durchgang, der einer aufgeklappten Muschel nachempfunden war.
»Bevor ich es vergesse: Ich soll Euch von Eurer Mutter grüßen.«
Irïanora zuckte zusammen. »Meine Mutter ist tot, sagt mein Oheim.«
»Ist sie nicht. Ich traf sie gerade gestern auf dem Marktplatz. Ihr ähnelt Euch sehr, wusstet Ihr das?«
Sie sog die Luft ein und konnte sich nicht gegen die verschiedenen Gefühle wehren, die sich in ihr regten und ein Konglomerat schufen, mit dem sie nichts anzufangen wusste.
Ôdaiòn wartete mehrere Herzschläge. »Vergebt mir den Scherz. Ich traf sie natürlich nicht. Aber man kann ihn bei jedem machen, der aus Dâkiòn zu uns kommt – er passt jedes Mal. Es ist spannend, die Reaktionen zu beobachten.«
Noch eine Probe. Noch bevor Irïanora eine geschliffene Erwiderung geben konnte, schritten sie durch einen schwarzen Vorhang, der einem Geflecht aus Algen und Seegras nachempfunden war, in einen kleinen Saal, an dessen Ende eine gemütliche Sitzgruppe aus weißen Ledersesseln vor einem Kamin stand. Aus den Wänden schienen Seerosen zu wachsen, es roch nach Blüten und Meer. Kleine, schwarze Vögel summten durch die Luft und saugten den Nektar aus den Rosen.
Es sieht so ganz anders aus als bei uns. Irïanora bemerkte, dass der Putz aus feinen Knochensplitterchen und spitzen Zähnen bestand, die einst Raubfischen gehört haben mussten. Gelegentlich blitzten Gold- und Silberplättchen darin auf.
Die Herrscherin erwartete sie stehend und hatte ihre langen, blonden Haare hochgesteckt, Perlen und Bernsteinfäden schimmerten als Zierde darin. Das weiße Kleid stand ihr außerordentlich gut, die Füße steckten in Sandalen.
Dienerinnen und Diener brachten bei der Ankunft der beiden Schalen mit Obst, Karaffen mit verschiedenen Säften und Weinen, um sie auf dem Tisch abzustellen.
»Denkt an die Anrede«, raunte ihr Ôdaiòn nochmals zu. »Mutter«, rief er dann freudig. »Seht, wen ich Euch bringe: Unser Gast traf soeben ein.« Er ließ ihre Hand los, damit sie die restlichen Schritte alleine ging.
Irïanora ließ sich ihre Verunsicherung nicht anmerken. Es scheint ein Spiel zu sein, das sie sich mit mir gönnen. Sie kam auf Modôia zu und verneigte sich tief. »Ich trete vor Euch, Herrscherin, auf Geheiß meines Oheims, Shôtoràs, Regent von Dâkiòn, um mit Euch über das Ereignis an der Flussenge zu sprechen und für meine Freunde die Freiheit zu erbitten.«
Modôia legte die Hände vor dem schlanken Bauch zusammen und nickte ihr zu. »Es freut mich zu hören, dass unsere Städte nach einer Lösung suchen, die nicht in einen Krieg mündet.« Sie deutete mit einer eleganten Bewegung
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