Die Legenden der Albae: Tobender Sturm (Die Legenden der Albae 4) (German Edition)
auf den Sessel ihr gegenüber. »Setzt Euch, Irïanora.« Sie nahm auf der Liege Platz und legte die Beine hoch, ihr Sohn wählte den Sitz unmittelbar neben ihr. »Sucht aus, was immer Ihr möchtet, und zeigt darauf. Meine Diener sind rasch.«
Irïanora lächelte und setzte sich.
Die schwarzen Augen der Herrscherin, die inmitten des Weiß unwirklich schienen, ruhten unverwandt auf ihr, forschten und schienen in ihre Gedanken dringen zu wollen. »Ihr habt einen Mord zu verkraften, wie ich hörte?«
»Nun, es zeichnete sich ab, dass es ein unglückliches Ende nimmt«, erzählte Irïanora und ließ sich mundgerecht geschnittene Obststücke auf einem Beintellerchen reichen. Das Rückgrat der verarbeiteten Kreatur musste dicker als drei Albae gewesen sein. Was lebt in diesem Meer, das solche Knochen hat? »Aber der Tod meiner Dienerin überraschte mich.«
Modôia nickte und zeigte Anteilnahme. » Überraschen , das ist mein Stichwort.« Sie ließ sich einen Becher mit Wasser reichen. »Denn Ihr wiederum überraschtet mich, gelinde gesagt, sehr. Eure Freunde in den sicheren Tod zu schicken, das ist … außergewöhnlich berechnend. Ihr seid eine Strategin und eine Spielerin.«
»Und verspieltet Euch«, fügte Ôdaiòn glucksend hinzu.
Irïanora fand den Wechsel irritierend. Noch irritierender war dabei die gleichbleibende Freundlichkeit in Verbindung mit Direktheit. Mein Oheim hätte schon längst gebrüllt. Sie hüstelte. »Ich hatte nicht vor, meine Freunde umzubringen. Geplant war lediglich eine Messfahrt für den neuen Kartenmeister, denn wie Ihr wisst, ändert sich der Verlauf der Gewässer. Es war demnach nichts Schlechtes daran, sondern diente lediglich zur Vorbeugung gegen unliebsame Überraschungen«, redete sie, ohne Luft zu holen. »Die Scheusale hätten die Zeit nutzen können, um am Tronjor ein Festung zu errichten – wie hätten wir das sonst bemerken können? Und der Fluss gehört nicht zum Meer …«
»Aber wir haben eine Abmachung, dass Ihr Euch nicht dorthin bewegen dürft«, fiel ihr die Herrscherin in die Rede. »Es waren deutlich mehr als die vier Meilen stromabwärts.«
»Deswegen auch die Kette an der Engstelle«, pflichtete ihr Sohn bei. »Eine Absicherung, da wir damit rechneten, dass jemand aus Dâkiòn irgendwann auf die Idee käme, den Vertrag zu brechen.«
»Auch Eure schönste Ausrede wird Euch nicht vor Strafe bewahren.« Modôia nahm einen kleinen Schluck von ihrem Getränk. »Der Bruch eines Abkommens bleibt ein Bruch, aus welchen Gründen auch immer. Selbst wenn Ihr versucht hättet, Hunderte Leben zu retten: Es schert mich nicht.« Die blonde Albin ließ sich eine kandierte rote Frucht reichen. »Ihr werdet es mir nicht ansehen, doch ich bin sehr erzürnt.« Sie lächelte so freundlich, als wären sie und Irïanora die besten Freundinnen, die über vergangene Zeiten plauderten.
»Ihr seht mich … verblüfft«, erwiderte diese. »Nochmals, ich wollte eine Karte anfertigen lassen.«
»Das sind Eure Worte, geschätzte Irïanora.« Ôdaiòn lehnte sich gespannt nach vorne. »Nun lasst uns hören, welche Botschaft Euch Euer Oheim für die Herrscherin mitgab. Ich rechne mit einer Entschuldigung des Regenten und einem Angebot zur Wiedergutmachung.«
»Möglicherweise Saatgut oder …« Modôia zuckte mit den Achseln. »Nun ja, dem Einfallsreichtum Eures Oheims sind keine Grenzen gesetzt, nicht wahr?« Sie lachte und langte hinter die Liege. In ihren Händen befand sich sogleich eine zusammengerollte, dreiriemige Peitsche, die mit Klingen an den Enden versehen war. Sie entfernte die Schutzhüllen von den Schneiden, ohne die Waffe aufzuwickeln.
Irïanora schluckte. »Zieht mich nicht zur Rechenschaft, sollten Euch die Worte meines Oheims nicht zusagen«, bat sie und fühlte angesichts der blinkenden Klingen, wie Angst ihre Krallen um ihr Herz schlug. Leise klingelnd stieß das Metall zusammen, warf den Sonnenschein zurück.
Sie hatte von der Waffe gehört, die unsägliche Schmerzen bereiten konnte, und fragte sich zugleich, wie ihr rotes Blut auf dem weißen Leder wirken würde. Tropfen, Schlieren, Lachen, lange Spritzer. Sie konnte der Vorstellung etwas sehr Künstlerisches abgewinnen, trotz allem, was es für sie letztlich bedeutete.
»Nein, das tun wir gar nicht.« Ôdaiòn zog ein kleines Stück Papier aus einem Ärmel. »Seht, diese Botschaft Eures Oheims erreichte uns vor drei Momenten.« Er lächelte kühl. »Ihr konntet nicht wissen, dass es Brieftauben gibt, die bei
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