Die Quelle
ich gelebt habe, gibt es nur wenige, die so
denken und ehrlich gesagt, gehörte ich nicht dazu.“
Leathan hatte beabsichtig provozieren wollen, so wie er
es als Lisa getan hätte. Es fühlte sich an diesem Ort falsch an und
er wusste, wie unreif dieses Verhalten war. Dennoch war es befreiend, sich in
das vertraute Denken einer Lisa einzufinden, auch wenn es nur für einen
kurzen Moment war, auch wenn dieser Abschnitt seiner Existenz längst der
Vergangenheit angehörte. Leathan warf einen kurzen Seitenblick zu Ruvin,
der anscheinend bemüht war, sich eine Antwort zu verkneifen. Das war genau
die Reaktion, auf die Leathan gehofft hatte und auf die Lisa stets gesetzt
hatte. Das unbekümmerte Gefühl, das Leathan daraus gewann, bot einen
guten Zeitpunkt, um sich hinzulegen und darauf hoffen zu dürfen, Schlaf zu
finden. Kaum hatte Leathan seinen Teller leer gegessen, musste er gähnen,
als habe sein Körper die Botschaft seiner Gedanken verstanden. Leathan
stand auf und als habe die Runde nur darauf gewartet, taten es ihm alle gleich.
„Aladrie, Istilian ihr übernehmt die erste Wache.“,
gab Ruvin seinen Befehl, ehe er von Leathan und den restlichen Kriegern
begleitet, in Richtung des Nachtlagers ging. Noch ehe Leathan die Bäume
erreichte, zwischen denen statt eines Zeltes, mit dem er unbewusst gerechtet
hatte, nur einige Planen und Decken vor Regen und Kälte schützen
sollten, hatte er rasch nachgeholt, was er bislang verabsäumt hatte. Er
erfragte die Namen seiner Reisebegleiter. Dass er sie vermutlich bis zum
nächsten Tag wieder vergessen würde, spielte dabei kaum eine Rolle.
Die Blicke der Krieger waren die von Vertrauten geworden. Als er sich zwischen
Ruvin und demjenigen hinlegte, den er jetzt als Miren statt nur als „Feuermacher“
kannte, fühlte er sich sicher und geborgen. Zunächst war ihm diese
ungewohnte Nähe unangenehm gewesen, doch nachdem er etwas Distanz, wenn
auch eine illusorische, zwischen ihnen geschaffen hatte, indem er sich in seine
Decke eingerollt hatte, waren seine Augen wie von selbst zugefallen. Nicht
einmal die Wölfe, die noch immer in der Ferne den abwesenden Mond
anheulten, hätten ihn vom Schlafen abbringen können. Sein letzter
Gedanke vor dem Einschlafen war, dass es bequemer war auf der grasbedeckten
Erde zu schlafen, als auf den harten Matten, wie sie in Ker-Deijas üblich
waren.
*
Er träumte von warmen plüschigen Sesseln, von
Federbetten und von T-Bonesteaks, als er wach wurde. Er spürte, wie eine
Hand auf seiner Schulter lag und ihn sanft wach rüttelte… Etwas war
falsch… Er spürte einen kalten Wind wehen… War das Fenster offen
geblieben? Noch immer orientierungslos öffnete Leathan die Augen und statt
Lisas Zimmer zu erblicken, sah er Ruvin, der neben ihm saß.
Unwillkürlich zuckte Leathan zusammen und Ruvin scheute kaum merklich
zurück.
„Ich wollte dich nicht erschrecken.“, entschuldigte er
sich leise. „Wir übernehmen die letzte Wache.“, fügte er noch hinzu,
stand auf und wandte sich ab.
Leathan atmete tief durch und kam allmählich zu
sich. Es erstaunte ihn nicht, Leathan zu sein, das hatte er tatsächlich
erwartet… Das einzige, was ihn irritierte, war es, nicht in Lisas warmem Zimmer
zu sein und weiterschlafen zu dürfen.
„Wache?“, versuchte er zu verstehen, ohne Anstalten zu
machen, aus den warmen Decken hervorzukriechen.
„Ja, wir sind dran. Komm mit.“
Es war noch dunkel und Leathan fühlte sich
längst nicht ausgeschlafen, doch Ruvins Worte klangen nicht nach einer
Frage. Ablehnen war anscheinend keine Alternative. Er fröstelte, als er
die warme Decke von sich streifte, doch er stand auf und begleitete unwillig
Ruvin bis zum Lagerfeuer, das anscheinend die ganze Nacht über mit Holz
gefüttert worden war. Er musste an Alienta denken. Er konnte gut
verstehen, dass er sich als er noch Regent war, etwas Luxus gewünscht
hatte. Wenn man schon die ganze Verantwortung trug, sollte man dann nicht auch
eine Entschädigung für die Last erhalten? Hier wurde ihm diese Art zu
denken vorgeworfen, in Lisas Welt hätte jedoch ein Regent
Sonderbehandlungen erhalten und so auch er, der nur als Gast hier war und
dessen Hilfe gebraucht wurde. Stattdessen sollte er tatsächlich eine Wache
übernehmen!
„Du bist ein fürchterlicher Morgenmuffel.“, stellte
Ruvin trocken fest.
„Wie kommst du darauf?“, gab Leathan beleidigt
zurück, obwohl er sich eingestehen musste, dass wohl viel Wahrheit in
dieser Bemerkung lag.
Statt zu antworten,
Weitere Kostenlose Bücher