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Die Räder des Lebens

Die Räder des Lebens

Titel: Die Räder des Lebens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jay Lake
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nicht.« Er ging weiter durch den rutschigen, klebrigen Schlamm. »Vielleicht gibt es Schwierigkeiten in der Stadt, von denen abgelenkt werden soll. Es wäre nicht der erste Krieg der Geschichte, der die Gedanken des Volkes von zu Hause ablenken soll.«
    Al-Wazir ließ sich die Worte des Metallmanns durch den Kopf gehen. Sie klangen durchaus nachvollziehbar. Er hatte das in England selbst beobachtet, immer und immer wieder. Was sein momentanes Problem allerdings nicht löste. Er seufzte enttäuscht. »Also läuft es auf das hier hinaus. Wie kann ich sie aufhalten?«
    »Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Es geht hier weder um Rache noch um Gerechtigkeit. Es gibt keine Missstände zu beheben, keine Wiedergutmachung zu leisten. Es ist einfach so, dass England das eine und Ophir das andere will.«
    »Begierden, die sich bekämpfen.« Er blieb stehen, drehte sich um und sah zur Unermesslichkeit der Äquatorialmauer hinauf. Wäre er ein Mann gewesen, der unter Höhenangst litt, hätte er sich ihr kampflos ergeben müssen. Die Höhe wirkte wie ein Magnet, der ihn nach oben zog, genauso wie die Tiefen unterhalb einer Schiffsreling einen unachtsamen Mann dazu bringen konnten, sich in die Morgenluft zu erheben, ohne Flügel sein eigen zu nennen.
    Es war nicht einfach nur eine Mauer, die sich wie ein Gürtel um die Welt legte. Ihm wurde klar, dass es eine Mauer war, die die Welt in eine Falle lockte. »Gott erschuf uns und legte uns in Fesseln«, murmelte er. »Dieser freie Wille ist nichts anderes als Süßigkeiten, die man einem kleinen Kind verspricht, während Er uns ankettet.«
    In Boas’ Stimme schwang Mitgefühl mit. »Ihr Engländer versucht, diese heiligen Bänder mit euren Tunneln und euren Luftschiffen zu durchtrennen.«
    »Ich habe dem Königshaus einen Eid geleistet, aber ich bin kein Engländer«, sagte al-Wazir finster. »Ich werde nach all diesen Jahren meinen Schwur nicht brechen, aber das haben diese geschäftigen Engländer schon gemacht, seit die Sachsen zum ersten Mal ihren Fuß auf Albions Küsten setzten.« Er schüttelte den Kopf und versuchte, sich von der schlechten Stimmung zu befreien, die Besitz von ihm ergriffen hatte. »Es ist auch egal.« Seine Stimme und Gedanken drehten sich endlich wieder um seine Aufgaben als Deckoffizier. »Was du mir sagst, bedeutet nur, dass wir keinen Frieden mit Ophir haben oder eine andere Lösung finden können.«
    »Ja. Das ist die Wahrheit, soweit ich sie verstehe.« Ihre langsamen, durch Hindernisse verzögerten Schritte hatten sie zu der unsauberen Grenze zwischen Lichtung und Wald gebracht. Zwei zerschmetterte Messingkörper glitzerten im Schatten; sie waren von den Kanonen auf den Palisaden zerstört worden.
    Paolina hätte sich daran gemacht, sich ihr Inneres anzusehen, dachte al-Wazir. So ein merkwürdiges kleines Mädchen, viel zu intelligent und viel zu eigenartig, und das in einem Kopf.
    Al-Wazir stieß einen Brustharnisch mit dem Fuß an. »Sind alle Messing für dich Brüder?«
    »Sind alle Menschen deine Brüder?«
    »Nun … nein. Überhaupt nicht. Aber von uns gibt es sehr, sehr viele, und jeder von uns wird von unterschiedlichen Frauen an unterschiedlichen Orten geboren. Ihr seid wenige, denn eine einzige Stadt hat euch erschaffen. Ihr entstammt alle derselben Gussform. Du hättest genauso gut einer der Gefallenen sein können.«
    »Wenn man zwei Menschen mit dem Schwert oder einem Geschoss zerteilt, dann weiß man hinterher nicht, von wem die Überreste stammen.«
    Ein Dröhnen war hinter ihnen zu hören. Al-Wazir und Boas drehten sich um und starrten zum Lager. Eine der Kanonen auf den Palisaden feuerte in die Luft. Der Winkel des Kanonenrohrs ließ ihn nach oben blicken, und er erkannte eine Schar der geflügelten Wilden mit hoher Geschwindigkeit auf das Lager zufliegen.
    »Bei allem, was heilig ist!«, schrie er. »Ich bin nicht bei meinen Männern.«
    Al-Wazir rannte über das schlammige, aufgewühlte Feld zurück zum Lager. Er war unerträglich langsam, während er Befehle brüllte, von denen er wusste, dass sie noch niemand hören konnte. Boas folgte ihm auf dem Fuße.
    Sie strömten vom Himmel herab wie Falken, die sich auf einen großen Kaninchenbau stürzten.
    Al-Wazir rutschte auf dem Schlamm, den Wurzeln, den Knochen und dem Blut der Armeen aus. Er war zu langsam, zu spät, zu weit weg, um sich der Flut entgegenzustemmen, die seine Schutzbefohlenen zu überwältigen drohte.
    Diesmal gab es keinen Bodenangriff. Diesmal kam der Tod nur

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