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Die Räder des Lebens

Die Räder des Lebens

Titel: Die Räder des Lebens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jay Lake
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beschwören keine Geister, um unsere Feinde zu verhexen«, sagte sie. »Vielleicht ist unser Bedarf an Gehorsam einfach geringer.«
    Seine gute Laune löste sich in einem starren Befehlston auf. »Das geschah alles auf Ihren Wunsch. Ich hatte bereits vor einiger Zeit eine Absprache mit dem Politoffizier getroffen. Er schläft jetzt, um Sie zu beschützen, Maske.«
    Childress spürte, wie Schamgefühl und Verärgerung in ihr miteinander stritten. »Ich weiß. Ich muss stärker sein, mehr wie die Maske Poinsard, die das Messer selbst in die Hand genommen und zum Einsatz gebracht hätte. Tief in meinem Herzen möchte ich so tun, als ob es nie ein Messer gegeben hätte, selbst wenn der Angriff auf mein Wort hin ausgeführt wurde.«
    »Und das macht dich sowohl menschlich als auch bezaubernd.« Leungs Worte klangen freundlich, aber sein Blick war es nicht. Er verabschiedete sich. Childress blieb sitzen und starrte auf den restlichen Tintenfisch, während sie sich fragte, wie sie sich besser hätte verständigen können, ohne seinen schwer erkämpften Respekt zu verlieren.
    Es fiel ihr nicht leicht, den Gedanken zu akzeptieren, dass ihre Worte Choi in einen endlosen und wahrscheinlich äußerst unruhigen Schlaf hatten fallen lassen.
    Als Childress das Frühstück am nächsten Tag allein einnehmen musste, suchte sie nach Leung. Ein Matrose verweigerte ihr den Zugang zur Brücke. Sie sah ihn an und wiederholte ›Leung zài nǎ er?‹ solange, bis er sich durch eine Luke beugte und ein längeres Gespräch mit jemandem führte, den sie nicht sehen konnte.
    Wenige Minuten später trat Leung heraus. »Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Maske Childress?«
    Sie stellte fest, dass er seine Stimme weiterhin förmlich und kalt klingen ließ. »Ich habe darüber nachgedacht und gebetet«, sagte sie. »Ich wünsche mir, dass du den Politoffizier weckst. Ich möchte mein Gewissen nicht mit seinem Tod belasten.«
    Leung schüttelte den Kopf. »Das ist nicht möglich.«
    »Ich möchte nicht, dass er stirbt.«
    »Er ist erschlagen worden«, sagte Leung. »Sein Körper hat das noch nicht verstanden, aber sein Geist hat bereits das finstere Land der Träume erreicht, aus dem man praktisch nicht mehr zurückkehren kann. Nach einiger Zeit wird seine Atmung aussetzen oder sein Herz, oder er wird einfach dahinschwinden, weil er in seinem Bett verhungert.«
    »Ich will das nicht.«
    Leung näherte sich ihr, bis er sie fast berührte, und durchbohrte sie mit seinen Blicken. »Als ich meine Uniform anzog und dem Drachenthron der Admiralität Beiyangs die Treue schwor, bedeutete das, dass mir möglicherweise befohlen würde, zu töten und immer wieder zu töten, im Dienste meines Kaisers. Auf meinen Befehl hin wurde Ihre Mute Swan versenkt, und es gab nur eine Überlebende. Die Richter der Toten werden dies auf meinem Kerbholz sehen und ihre Tode gegen meine Treueschwüre aufwiegen. Das ist die Aufgabe derjenigen, die dem Willen und der Logik des Kaiserreichs dienen.«
    »Ihr, Maske Childress, seid nicht anders. Wenn Sie dieses Spiel spielen wollen, müssen Sie um den Einsatz wissen. Ansonsten hätten Sie in Neuengland bleiben und sich um den Garten kümmern sollen, den Sie Ihr eigen nennen.«
    Er drehte sich um, ohne sich zu verabschieden, und schlug die Brückenluke hinter sich zu.
    Zurück in ihrer Kabine stellte sich Childress die Frage, ob sie in Neuengland hätte bleiben können. Sie hatte an diesem besonderen Tag Annekes Aufforderung in der Bibliothek nicht angezweifelt. Ein Leben des Gehorsams – gegenüber ihrer Mutter, ihren Lehrern, Gott, den Dekanen der Universität – hatte sie dazu gebracht. Der einzige Verstoß, den sie sich vorzuwerfen hatte, war, ohne ihre Erlaubnis in die Belange der avebianco verwickelt worden zu sein.
    Ihr wurde klar, dass das die Ursache des Problems war. Ihre Erlaubnis. Childress saß auf ihrer Koje und starrte auf die Metallwand, während sie darüber nachdachte.
    Gott hatte der Menschheit nicht die Erlaubnis erteilt, auf der Welt zu leben. Er hatte ihr stattdessen den freien Willen geschenkt und Seine Kinder in die Schöpfung entlassen, damit sie ihren eigenen Weg fanden. Er vertraute darauf, dass die Menschheit zu ihren eigenen Bedingungen zur Schöpfung zurückfinden würde. Einige von uns haben das geschafft , dachte Childress, einige nicht .
    Aber alles, was sie jemals getan hatte, drehte sich um die Frage der Erlaubnis. Es war ihr erlaubt, nicht zu heiraten, wenn sie der Welt der Männer auf eine

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