Die Räder des Lebens
Klippen und ausgetrocknete Flussbetten und Felsvorsprünge aus rotem und grauem Gestein. Die Bäume waren verschwunden, und auch die umherziehenden Herden, die kleinen Dörfer und die sich durch die Landschaft schlängelnden silberfarbenen Flüsse.
Ein schreckliches Land, dachte sie und stellte sich die Frage, warum Gott es als angemessen erachtet hatte, es in Seine Schöpfung aufzunehmen.
Sayeed traf sich mit ihr von Zeit zu Zeit, aber er versuchte nicht, die eindringliche Atmosphäre ihres Gesprächs über Straßburg und den Schweigsamen Orden zu wiederholen. Stattdessen sprachen sie leise über die Funktionsabläufe auf dem Schiff, das Geräusch der Motoren und wie die Hitze den Tragkörper beeinflusste. Was alles dazugehörte, die Notus zu betreiben, wirkte überwältigend auf sie, aber Sayeed hatte jedes einzelne Detail im Kopf und war bereit, ihr alles zu erklären. Er kannte sein Schiff so gut, wie die meisten Leute ihre eigenen Hände. Vielleicht sogar besser.
Sayeed, al-Wazir, Hornsby – sie wünschte sich, dass es Männer wie diese damals in Praia Nova gegeben hätte, anstelle der belanglosen, korrupten fidalgos , in deren beschränkten Köpfen Königreiche ihrer eigenen Männlichkeit und Privilegien existierten. Männer, die sich ihren Frauen als würdig erwiesen hätten – und ihr.
Natürlich hatte es auch den verrückten Professor Ottweill gegeben und ein Lager voll hinterhältiger, gewaltbereiter Arbeiter und Soldaten.
Sie wusste das Gute in diesen wenigen Männern zu schätzen, aber sie war nicht blauäugig genug, das zu ignorieren, was die anderen zu nicht viel mehr als Tieren machte.
Diese Rationalhumanisten in Straßburg versprachen, eine zivilisiertere Gattung Männer zu sein. Wie Sayeed. Paolina war zutiefst dankbar dafür, dass sie diesen Weg entdeckt hatte.
Sie freute sich auf vernünftige Gespräche mit vernünftigen Menschen, die über die Mauern hinwegsehen konnten, die die Welt zwischen Männern und Frauen errichtete.
Mit Überraschung stellte Paolina fest, dass das Wüstenmeer in einem echten Meer endete. Dieser Ozean hatte die Farbe von Glas – nicht zu vergleichen mit der mürrischen grauen Dünung des Atlantiks nördlich von Praia Nova. Er wirkte vielmehr wie ein Edelstein, eine Verzierung, mit der Gott einen Teil Seiner Schöpfung zu verschönern gewusst hatte.
»Das ist das Mittelmeer«, erklärte Bucknell, heftig nickend und schluckend. »Das ist der Ozean in der Mitte der Welt.«
»Vielen Dank«, sagte Paolina, die sehr wohl wusste, was das Mittelmeer war. Sie hatte nur nicht verstanden, dass es sich darum handelte. Auf der Notus hatte sie keinen Zugriff auf Seekarten, und ihre geografischen Kenntnisse der Nördlichen Welt waren natürlich begrenzt, da sie an a Muralha weder Karten noch Globen ihr eigen genannt hatte.
Sie wusste, worum es sich bei diesen Hilfsmitteln handelte und welchen Zweck sie erfüllten; sie hatte nur nie eines gesehen.
Es gab Zeiten, da schämte sie sich dafür, einer so primitiven Kultur zu entstammen. Dann wollte sie weder mit Bucknell noch sonst irgendjemandem reden. Sie wollte sich nur an die Reling stellen und auf das blaue Meer hinabstarren und so tun, als ob sie alles wüsste, um in der Welt zurechtzukommen.
»Die Chinesen segeln nicht in das Mittelmeer«, meinte Bucknell. »Man kommt nur schwer an Suez vorbei, ohne dass die Royal Navy das mitbekommt.«
»Also ist es hier sicher?« Sie sah auf zwei Boote hinab, kleine Dinger, die aber groß genug waren, um Netze hinter sich herzuziehen, die von oben wie Flügel unter dem Wasser aussahen.
Wo es Wasser gab, gab es Fischer. Das Meer war endlos in seiner Freigiebigkeit. Paolina wusste das aus Praia Nova. Vielleicht hatten sie hier die Flutwelle nicht gespürt, wo das Wasser von einer Wüste begrenzt wurde, auf der die Mauerstürme nicht alles beherrschten. Sie wünschte ihnen Spaß an ihrem Fang und gute Fahrt.
»Sicher wie zu Hause, Madam.« Darüber musste er einen Augenblick nachdenken und knabberte an seiner Lippe, wo die große, rohe Narbe hell leuchtete. »Wenn Ihr Euch nicht daran stört, dass jeder in Euer Haus hinein kann und dass die Haie drin rumschwimmen, natürlich.«
Paolina wechselte das Thema. Der Junge konnte sowieso keinen klaren Gedanken fassen, zumindest nicht besonders lange. »Bist du schon mal in Straßburg gewesen, Bucknell?«
»Nein, Madam. Die Notus patrouilliert meistens an der afrikanischen Küste. Über der Sahara oder Europa sind ja nicht viele
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