Die Rose des Propheten 2 - Das Buch Quar
einen niedrigeren Preis bieten werde, nur weil du den Handel zuerst ausgeschlagen hast. Du kannst hundert solcher Händler aufsuchen, aber du wirst nur einen Mann finden, der dir Pferde verkauft, die dich zum Sieg führen. Tiere, geboren für den Krieg, die bei dem Geruch von Blut nicht scheuen. Tiere, die beim Ruf der Trompete die Ohren spitzen und sich mitten in die Schlacht stürzen. Tiere, die vom Hengst Akhrans abstammen! Nirgendwo auf dieser Welt wirst du solche Pferde finden!«
»Nun, Kalif, verstehst du, wir sind nicht länger an deine Welt gebunden«, entgegnete der Emir. »Schickt nach meiner Gemahlin«, wies er einen Diener an, der sich verbeugte und davoneilte, um den Befehl auszuführen.
»Das ist vielleicht das Licht, von dem du gesprochen hast, Imam«, unterbrach der Emir, um einen Plauderton bemüht, die gespannte Stille. »Vielleicht wird ihnen der Hunger die Augen öffnen und sie in die Stadtmauern führen, die sie so sehr verachten.«
»Quar sei gepriesen, wenn dem so ist«, betonte der Imam ernst. »Es wird die Rettung ihrer Körper und die Erlösung ihrer Seelen sein.«
Khardan entgegnete nichts, starrte die beiden jedoch finster an. Als der Emir nach seiner Frau schickte, war der Kalif unwillkürlich einen Schritt zurückgewichen. Ihm fielen Zeids Worte ein: die Hauptfrau des Emirs – dem Ruf nach eine Zauberin mit großer Macht. Khardan hatte vor Magie keine Angst. Er hielt sie für Frauensache, mit der man Kranke heilte und Pferde während eines Sturms beruhigen konnte. Aber da er die Magie nicht beherrschte, mißtraute er ihr. Er hatte von den Fähigkeiten der Alten gehört, Geschichten über ihre Macht, die man sich in den Harems der Stadtbewohner erzählte. Er hatte sie verspottet, denn er verachtete Männer, die es zuließen, daß ihre Frauen in dieser geheimnisvollen Kunst zu große Fähigkeiten erlangten. Doch als er den mächtigen Kannadi anschaute, bemerkte Khardan, daß er die Angelegenheit vielleicht falsch eingeschätzt hatte.
Eine Frau betrat den Audienzsaal. Sie trug einen schwarzseidenen Tschador, auf dessen Gewebe mit Goldfäden kleine, runde Sonnen gestickt waren. Obwohl der Tschador ihre Gestalt vollkommen verhüllte, bewegte sich die Frau mit einer Anmut, die auf Schönheit und einen wohlgeformten Körper schließen ließ. Ein schwarzer, mit Gold eingefaßter Schleier verdeckte Gesicht und Kopf und ließ nur ein Auge frei. Dieses mit Kajal betonte Auge starrte Khardan dreist an und durchbohrte ihn mit viel größerer Wirkung, als es zwei Augen vermocht hätten, selbst wenn diese auf denselben Punkt fixiert gewesen wären.
»Yamina, zeige diesem Kafir Quars Geschenk an sein Volk«, befahl der Emir.
Sie verneigte sich vor ihrem Mann, faltete fromm die Hände vor der Stirn und wandte sich wieder Khardan zu, der ihren Blick kühl erwiderte. Sein Gesicht war ausdrucksloser als das Antlitz der ewig wandernden Dünen.
Yaminas juwelenbesetzte Finger schlüpften unter die zarten Falten ihres Tschadors und zogen einen Gegenstand hervor. Sie legte ihn auf die Handfläche und präsentierte ihn Khardan.
Es war ein wundervoll geschnitztes Pferd aus Ebenholz, vollkommen bis in die letzte Kleinigkeit, ungefähr eine Spanne groß, mit Nüstern aus feuerroten Rubinen und Augen aus strahlendem Topaz. Sein Sattel war aus feinstem Elfenbein mit goldenem und türkisfarbenem Paradegeschirr geschnitzt, und die Hufe des Pferds waren mit blitzendem Silber beschlagen. Wahrhaftig, es war ein Meisterwerk, und Achmed seufzte bei seinem Anblick sehnsüchtig. Aber Khardan zeigte sich unbeeindruckt.
»Das ist also Quars Geschenk«, höhnte der Kalif und blickte rasch zum Emir, um zu sehen, ob dieser sich über ihn lustig machen wollte. »Ein Kinderspielzeug?«
Statt einer Antwort forderte der Emir seine Frau freundlich auf: »Zeig es ihm, Yamina.«
Die Zauberin stellte das Pferd auf den Boden. Sie berührte einen Ring an ihrer Hand, und die Fassung des Juwels sprang auf. Aus seinem Innern zog Yamina eine dünne Papierrolle. Sie bog das Pferdemaul auseinander, schob die Rolle hinein und drückte die Zähne der Holzfigur wieder fest zusammen, so daß nichts herausfallen konnte. Dann kniete sie neben dem Spielzeugpferd nieder, schloß das eine, sichtbare Auge und begann, leise geheimnisvolle Worte zu intonieren.
Eine Rauchwolke quoll aus dem Maul des Pferds. Mit finsterem Gesicht ergriff Khardan Achmeds Hand und wich mißtrauisch vor dem Tier zurück. Der Imam murmelte mit leiser Stimme vor sich
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