Die Rückkehr des Zweiflers - Covenant 08
Rauch und Tränen aus den Augen reiben und die an Ekstase grenzende Aufregung der drei Feldschere wahrnehmen konnte, schickte sie Vertorn, Jevin und die Krieger, die neue Heilerde brachten, in die beiden anderen Zelte. Auch die Krieger waren geheilt worden, während sie den Sand transportierten, und trugen ihre Lasten jetzt mit beschleunigtem Eifer.
Linden dachte nicht an Wellen oder sonstige Störungen der Zeit. Sie dachte an Leben, die sonst erloschen wären, an Männer und Frauen, die noch Hilfe brauchten, und hatte keine Angst.
Einige Zeit lang bemühten Palla und sie sich allein um die Verwundeten, gingen von Strohsack zu Strohsack und behandelten die Wunden und Infektionen so effizient wie möglich. Linden merkte jedoch bald, dass das Schlimmste überstanden war. Dutzende von Kriegern brauchten noch Hilfe, aber keiner von ihnen war dem Tode nah. Der Zustand mancher würde noch einige wenige Tage kritisch bleiben – in Einzelfällen auch erheblich länger. Und Berek verstand jetzt, wie Heilerde wirkte; er würde sie überall suchen. Außerdem merkte Linden Palla an, dass der Umgang mit dem unbeschreiblichen Sand ihren latenten Gesundheitssinn geweckt hatte. Wie Vertorn und Jevin, vielleicht auch wie alle Krieger, die damit geheilt worden waren, würde sie zukünftig imstande sein, Heilerde zu erkennen. Ruhte Linden sich jetzt aus, würde sie nicht so viele – allzu viele – Leben auf dem Gewissen haben.
Um sich etwas zu schonen, begann sie mit einer selektiveren Form der Behandlung, indem sie sich statt auf Wunden auf Infektionen, Lungenentzündungen und andere Krankheiten konzentrierte. Diese erforderten ihre ganze Wahrnehmungsgabe, aber sie brauchten eine subtilere Behandlung, die mit weniger Energie auskam.
In ihrer Konzentration wurde Linden nicht gleich auf die lauter werdenden Stimmen, die vereinzelten Rufe außerhalb des Zelts aufmerksam. Aber dann hörte sie Covenant deutlich krächzen: »Höllenfeuer! Lass mich los, du grober Tölpel!«
»Covenant!«, protestierte Jeremiah. »Wir können nicht ... Berek ...!«
Auch andere Stimmen protestierten. »Streitwart!«, rief Yellinin. »Lord Berek hat Höflichkeit befohlen!« Und Basila fügte hinzu: »Bist du taub? Überall werden Wunder von ihrer Heilkunst erzählt!«
Aber Krenwill, der sich für Lindens Ehrlichkeit verbürgt hatte, widersprach: »Man sieht sie nicht, Basila. Ich habe es auch erst getan, als wir in den Feuerschein des Lagers gekommen sind. Sie sind gegen Erkennen geschützt. Auf unnatürliche Weise geschützt. Wer weiß, vielleicht verbergen sich darunter gewaltige Kräfte. Tödliche Kräfte, Yellinin! Wenn sie Lord Berek schaden wollen ...«
»Streitwart Inbull!«, brüllte ein Mann, den Linden der Stimme nach für Damelon hielt. »Du sollst von ihm ablassen! Lord Berek hat Höflichkeit befohlen.«
»Das tue ich nicht«, antwortete eine gutturale Stimme. »Lord Berek soll mich dafür tadeln, wenn er es für nötig hält. Ich bin nicht bereit, sein Leben aufs Spiel zu setzen, indem ich Fremden vertraue, nur weil sie eine Frau begleiten, die heilen kann.«
Oh, Scheiße. Linden vergaß die Verwundeten, löschte ihr Feuer und rannte los. Vor ihr flog der Zelteingang auf. Jeremiah und Covenant wurden von einem Hünen mit zornrotem Gesicht und Blut an den Fäusten hereingestoßen.
Im nächsten Augenblick stellte Damelon sich dem Streitwart in den Weg und versuchte, Inbull durch körperliche Gewalt aufzuhalten. Aber der Hüne wischte ihn mühelos beiseite, als sei der Knappe nur ein lästiger Plagegeist.
Trotz des Rauchs sah Linden ihn deutlich; sie sah ihn, als sei er von Fackeln umgeben. Mit seinen knorrigen, massiven Gliedern und einem Mund voll abgebrochener Zähne wirkte er solide wie eine Eiche. Ein gewaltiger Schwerthieb hatte seine linke Kopfseite getroffen, den Schädelknochen eingedrückt, Fleisch weggeschält und eine tiefe Einbuchtung hinterlassen, die seine Züge entstellte. Der einzige ihm verbliebene Gesichtsausdruck war eine Grimasse, die an einen Totenschädel mit aufgerissenem Mund erinnerte.
Zwischen zwei Herzschlägen begriff Linden, die verzweifelt weiterrannte, dass er ein Verräter war. Seine Brutalität war der Selbsthass eines Mannes, der einer Sache, an die er einst geglaubt hatte, den Rücken gekehrt hatte. Linden wusste nicht, wie oder warum er seinem Herrn untreu geworden war. Trotzdem war sein Verrat so offensichtlich wie ein Geschwür. Er hatte Covenant und Jeremiah mit Gewalt hergeschleppt, weil er
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