Die Sommerfrauen: Roman (German Edition)
die allein am Tisch saß, das Kinn auf die Hand gestützt, und das Gewimmel der Menschen um sich herum betrachtete. Sie trug ein mädchenhaftes, rosa-grünes Strandkleid. Das Haar hatte sie hochgesteckt, so dass eine Handvoll Sommersprossen auf ihren gebräunten Schultern und in ihrem Ausschnitt zu erkennen war, ein erstaunlich tiefer Ausschnitt für eine Frau, deren Badeanzug aussah, als wollte sie damit zum Schwimmtraining. Doch in einer Sache hatte Nella recht, dachte Ty. Ellis sah wirklich aus wie ein süßes rosa Cremetörtchen. Völlig fehl am Platz in einer Kneipe wie Cadillac Jack’s, wo sich Collegeschüler und in Schwarz gekleidete Szenetypen drängten und herumbaggerten. Am liebsten hätte er Ellis an die Hand genommen und hinausgebracht, vielleicht an den Strand, an einen ruhigen Ort ohne hämmernde Musik und schrille Stimmen.
Ty war ziemlich erfreut gewesen, als er vor einer Stunde hochgeschaut und gesehen hatte, wie Julia mit Ellis im Schlepptau auf die Bar zusteuerte. Niemals hätte er damit gerechnet, dass sie seine Einladung annehmen würde, den Club zu besuchen. Sie kam ihm nicht wie der Typ Frau vor, der von einem Laden zum nächsten zog, aber vielleicht war das ja auch Julias Idee gewesen. Doch das interessierte ihn letztlich nicht. Er war froh, dass Ellis gekommen war, und noch glücklicher, dass sich Julia verdrückt hatte.
Ty schaute auf die Uhr und runzelte die Stirn. »Ist schon nach neun, eigentlich hab ich jetzt frei. Angie meinte, Patricia würde jetzt kommen und den Rest der Schicht übernehmen. Hast du sie schon gesehen?«
»Nee«, sagte Nella. »Aber ich bekomme zwei Frozen Margaritas und ein Natty Lite für den Tisch da hinten, und zwar dalli, dalli.«
»Patricia bewegt mal besser ihren Hintern herüber«, sagte Ty düster und gab Eiswürfel und die übrigen Zutaten für einen Margarita in den Shaker. »Ich hab’s satt, für sie einzuspringen. Hast du ihre Handynummer?«
»Patricias?«, höhnte Nella. »Na, hör mal! Selbst wenn ich die hätte, weißt du genau, dass sie nicht drangehen würde. Sie hat sich gestern Abend heftig mit Jason gestritten, er hat sie auf die Straße gesetzt. Und du weißt, dass ihre alte Karre vor einer Woche den Geist aufgegeben hat. Da Jason also aus dem Spiel ist, muss sie entweder das Fahrrad nehmen oder den Daumen ausstrecken, wenn sie herkommen will.«
»Na, toll«, murmelte Ty und sah sich um. Es war ein typischer Sonntagabend im Cadillac Jack’s. Es war schon proppenvoll, und immer noch strömten neue Gäste herein. Patricia Altizer war ein liebes Mädchen, Mitte zwanzig, aber sie hatte einen miserablen Männergeschmack und noch weniger Glück, wenn es darum ging, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Wenn es ihr gelang, rechtzeitig zur Schicht anzutreten, arbeitete sie wirklich hart, doch Ty hatte schon öfter für sie einspringen müssen und das deprimierende Gefühl, dass es an diesem Abend nicht anders laufen würde.
Wie vermutet, schlüpfte Angela um halb zehn mit einem verdrießlichen Gesicht hinter die Theke. »Patricia ist nicht da, wie du bestimmt schon gemerkt hast«, begann sie. »Ty, mein Lieber, ich frag wirklich nicht gerne, aber kannst du vielleicht bis zum Ende bleiben?«
»Hast du denn niemand anders?«, fragte er. »Ich hab heute Abend noch was vor. Und du hast mir versprochen, du würdest mich nicht ständig bitten, bis zum Ende durchzuarbeiten.«
Angela drehte sich um und schaute zu dem Tisch hinüber, den Ty im Blick gehabt hatte, als sie auf die Theke zugesteuert war. Es war der Tisch von Ellis. Sie hatte ihr Glas leergetrunken und spielte mit ihrem Handy herum. Ty war so beschäftigt gewesen, dass er nicht mal Zeit gehabt hatte, ihr einen neuen Drink zu schicken – oder sich zu entschuldigen, dass er sie warten ließ.
»Ja, Nella hat mir schon erzählt, dass du eine neue Freundin hast«, sagte Angela mit leicht sarkastischer Stimme.
»Nella soll sich um ihren eigenen Kram kümmern«, gab Ty zurück.
»Hör mal, Ty«, begann Angie. »Ich weiß mir keinen Rat. Patricia kommt auf keinen Fall, und ich hab schon überall angerufen und versucht, jemanden zu finden, der einspringt, aber es ist keiner da. Wenn du bis zum Schluss bleibst, bin ich dir was schuldig. Was du willst – du brauchst es nur zu sagen. Bleib nur bitte hier, und lass mich nicht ohne Barkeeper stehen!«
Ty dachte nach. Angie steckte wirklich in der Klemme. Wenn er jetzt ging, so dass nur Nella und ein anderes Mädchen im Service waren, würde es
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