Die Tränen der Henkerin
wissen, wer uns – verzeiht mir den Ausdruck – diesen Streich gespielt hat«, sagte er. »Aber wenn wir das an die große Glocke hängen, dann könnte uns das ernsthaft schaden. Wir gäben uns der Lächerlichkeit preis. Bedenkt: Wem außer dem Verbrecher Ottmar de Bruce ist ein Schaden entstanden? Euer Ruf würde am meisten leiden, wenn bekannt würde, dass nicht Ihr ihn entlarvt habt, sondern irgendein Halunke, der sich zu diesem Zweck frech Euren Namen borgte.«
Von Melchingen verzog das Gesicht. »Da habt Ihr natürlich Recht, vor allem jetzt, da Ihr mich zu einem strahlenden Helden gemacht habt. Es wäre geradezu hochnotpeinlich.«
»Seht Ihr? Deswegen werden wir die Sache im Stillen regeln.«
»Und wie?«
»Das überlasst getrost mir. Ich kümmere mich darum.«
Von Melchingen stand auf und verneigte sich. »Ihr seid ein weiser Mann, Graf Ulrich. Ich danke Euch, dass Ihr mich davor bewahrt habt, vorschnell zu handeln.«
»Es freut mich, dass ich zu Diensten sein konnte, mein lieber Burkhard. Und nun zieht Euch zurück auf Eure Gemächer, und ruht Euch aus. Heute Abend wartet ein weiteres Bankett auf Euch, Ihr seid schließlich ein Held, der gebührend gefeiert werden muss.«
Ulrich nahm seinen Freund nochmals in die Arme und entließ ihn. Dann rief er erneut seinen Verwalter. »Lasst Alberto Fussili kommen. Ich weiß, dass er eigentlich einen anderen Auftrag hat, doch den kann er ruhig zwei oder drei Wochen aufschieben.« Zufrieden ließ er sich in seinen Stuhl sinken. Fussili war sein bester Spion, ein Bluthund, der sich unsichtbar machen konnte und der seine Beute bisher immer geschlagen hatte. Fussili würde den Kaufmann aufsuchen, der damals den Brief übergeben hatte, und dann konnte es nicht lange dauern, bis sein Verfasser gefunden war.
***
Das tat gut! Melisande ließ sich auf einen Schemel fallen, den sie vor das Haus getragen hatte, und streckte die Beine aus. Seit den frühen Morgenstunden hatte sie unermüdlich gearbeitet, jetzt war es später Nachmittag und Zeit für eine kleine Pause. Genüsslich biss sie in ein Stück des saftigen Apfelkuchens, den die Köchin am Morgen anlässlich der Zunftmeisterwahl gebacken hatte. Walburg war kein Vorwand zu schade, leckere süße Sachen zuzubereiten, von denen sie, wie man ihr unschwer ansah, selbst gern naschte. Warum auch nicht? Alle im Fügerschen Haushalt freuten sich über die Leckereien, die die Köchin zubereitete, und solange sie gut wirtschaftete und der kleinen Gertrud nicht zu viel Naschwerk zusteckte, war dagegen nichts einzuwenden.
Melisande saß da, kaute und beobachtete das Treiben auf der Straße. Manche Menschen schlenderten gemächlich an ihr vorbei, andere waren in ein Gespräch vertieft, wieder andere schienen in Eile zu sein. Manch einer, den sie kannte, nickte ihr zu oder rief einen Gruß. Eine Sau mit ihren Ferkeln trabte die Straße hinab, zwei Jungen rannten hinterher, um sie wieder einzufangen, einer stürzte und schlug dabei zwei Purzelbäume.
Melisande musste lachen. So ist es gut, dachte sie. Lachen tut gut. Das vertreibt die bösen Dämonen. Du bist hier in Sicherheit. Du hast einen Mann, der dich liebt. Du hast eine wunderbare Tochter. Also sei zufrieden.
Nach Meister Egidius’ Tod war sie vor Entsetzen starr gewesen. Warum hatte sie einen Menschen hilflos sterben lassen? Wie hatte sie ausgerechnet Irmas Onkel so selbstsüchtig seinem Schicksal überlassen können? Die Fragen und Selbstvorwürfe hatten sie gequält, bis sie auf der Beerdigung vom Meister Chirurgicus erfahren hatte, dass der Alte sich standhaft geweigert hatte, sich das Bein abnehmen zu lassen. Schon Tage vor seinem Tod hatte der Wundarzt den Kranken darauf hingewiesen, dass das seinen sicheren Tod bedeutete, dass die Entzündung sich im ganzen Körper ausbreiten und ihn von innen her auffressen würde, doch der Meister war uneinsichtig geblieben. Melisande wäre dem Arzt vor Erleichterung am liebsten um den Hals gefallen. In der Nacht nach der Beerdigung hatte sie zum ersten Mal seit über einer Woche wieder tief und traumlos geschlafen. Und wenn jetzt Katherina kam und womöglich auch noch gute Nachrichten aus Reutlingen mitbrachte, dann konnte sie einer sorglosen Zukunft entgegensehen.
Melisande seufzte. Zumindest einer fast sorglosen Zukunft. Sie schluckte das letzte Stück Kuchen hinunter. Genug des Müßiggangs. Sie sollte wieder hineingehen, das Pult lag voller Arbeit. Den ganzen Tag hatte sie die Schreibkammer gemieden und sich anderen
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