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Die ungehorsame Tochter

Die ungehorsame Tochter

Titel: Die ungehorsame Tochter Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Petra Oelker
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den Komödianten flüsterten, als sie hörte,
     dass die jede mitnähmen, wenn sie nur hübsch sei und ein wenig zu singen verstehe, kannte sie ihr Ziel. Sie wusste nicht,
     ob sie hübsch war, aber sie wusste, dass sie gut singen konnte, auch zu tanzen hatte sie ja gelernt. Wenn diese Komödianten,
     die auf dem Hardensteiner Markt das Volk amüsiert hatten, auch ganz gewiss keine Stücke nach der Art von Molière aufführten,
     musste es von Vorteil sein, sie zu kennen. In der übernächsten Nacht machte sie sich auf den Weg.
    Sie wusste, dass sie von Hardenstein weitergezogen waren in den nächsten Ort, gute zwei Meilen entfernt. Das schreckte sie
     nicht, auch wenn sie nie zuvor so weit gegangen war. Sie kannte den Weg, bog nicht einmal falsch ab und erreichte die kleine
     Stadt schon vor Mittag. Und doch zu spät. Die Komödianten, berichtete man ihr auf dem Markt, seien schon vor drei Tagen weitergezogen.
     Niemand wusste, wohin, nach Chemnitz, sagte einer, nach Weimar ein anderer, und ein Dritter gar wusste, dass sie nach Leipzig
     unterwegs seien. Ganz gewiss, rief ein Vierter, nach Leipzig. Also wandte sie sich nach Leipzig.
    Jeder Schritt, den sie nun tat, war ein Schritt ins Unbekannte. Die wenigen Münzen, die sie besessen hatte,waren schnell verbraucht. Sie hatte es nicht gemerkt, wenn man von ihr für jedes Stück Brot, für jeden Becher Milch den doppelten
     Preis forderte. Woher hätte sie wissen sollen, was für ein halbes Brot, für ein Stückchen Käse zu bezahlen war? Schon am ersten
     Abend floh sie aus einem Gasthaus und hatte gelernt, dass sie fortan in Heuschobern oder unter tiefhängenden Büschen übernachten
     und Menschen, besonders Männer, meiden musste. Sie hatte gedacht, sie kenne Angst, nun erfuhr sie, was Angst wirklich bedeutet.
    Der kalte Regen setzte ein, als sie schon eine Woche gewandert war, vielleicht einen Tag mehr oder weniger, sie wusste die
     Zahl der Tage nicht mehr. In ihrem Beutel lagen nichts mehr als ein Wolltuch, zwei Hemden, ein Rock von derbem Kattun und
     ihre silberne Flöte. Ihre Schuhe waren nur mehr Fetzen, sie fror beständig, und ihr Leib schmerzte, weil sie in den letzten
     zwei Tagen nichts als Holzäpfel aß, die sie auf einer Wiese nahe einem Herrenhaus gestohlen hatte. An diesem Abend war sie
     so erschöpft, dass sie den Reiter erst bemerkte, als er schon beinahe neben ihr ritt.
    Sie floh in die Hecke, doch es war zu spät. So versuchte sie sich zu wehren, doch sie war zu schwach. Sie sah ein lachendes
     Gesicht, schwarze, vom feinen, doch beständigen Regen tropfnasse Haare und hörte eine Stimme, die auf sie einsprach, als sei
     sie eine kranke Katze.
    «Hör auf zu kratzen», rief der Mann schließlich, griff hart nach ihren Handgelenken und zog sie auf den Weg. «Es nützt doch
     nichts. Morgen wirst du mir dankbar sein, weil ich dich nicht habe erfrieren lassen. Nun komm schon, Junge, mach dich nicht
     so schwer. Wo sind deine Eltern?»
    Sie schüttelte nur den Kopf, und er nickte. «Dachte ich’s mir: Du hast keine. Wem bist du dann davongelaufen? Wer ist dein
     Dienstherr? Na gut, du bist nicht in der Stimmung, Romane zu erzählen. Macht nichts, ich mag jetzt auch keine hören. Was hältst
     du von einer warmen Suppe? Du musst nicht gleich vor Glück weinen, sie wird ziemlich dünn sein. Du meine Güte. Ich dachte,
     du bist ein Mohrenkind, und nun zeigt sich deine Haut milchweiß, wo die Tränen den Schmutz abwaschen. Kannst du reiten? Ich
     meine, schaffst du es, oben zu bleiben, wenn es nicht zu schnell geht?»
    Es wäre ein Leichtes gewesen zu fliehen. Sie musste sich nur von den breiten Hinterbacken des Pferdes herunterrutschen lassen
     und davonlaufen. Der Mann hatte sie mit viel Mühe aus der Hecke gezerrt, er würde sich kaum ein zweites Mal damit aufhalten,
     sie einzufangen. Es war nun ganz dunkel, und sie dachte: bei der nächsten Weggabelung. Dort angekommen, versprach sie sich:
     bei der nächsten Biegung. Und spürte die köstliche Wärme des behäbigen Tieres, die Wärme des Mannes vor ihr im Sattel. Und
     dann war da die Suppe. Der Gedanke an einen bis zum Rand gefüllten, dampfenden Teller war der Gedanke an das Paradies.
    Schließlich erreichten sie sein Ziel. Im Hof eines Gasthauses, tatsächlich eines außerordentlich einsam gelegenen Gasthauses,
     hob er sie vom Pferd und führte sie hinein. Der Raum war düster, auf dem Tisch brannten nur zwei Kerzen, und die Kienspäne
     an den Wänden rochen mehr nach Harz, als dass sie

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