Die Zauberlehrlinge
ich bloß Sie angerufen.«
»Nun, ich bin ja jetzt da.«
»Aber ich werde Donna anrufen, wenn ich muss.« Hackensack war plötzlich ernst. »Tun Sie das nicht, Harry.«
Harry zuckte mit den Schultern. »In Ordnung.«
»Meinen Sie das ernst?«
»Erzählen Sie mir von dem Sturz. Wie ist das passiert?«
»Reine Blödheit. Ich wollte eilig weg, um den Mittagszug zu erwischen. Nahm zwei Stufen auf einmal. Vermutlich bin ich irgendwie danebengetreten. So einfach ist das.«
»Vermutlich?«
»Na ja, das ist alles ziemlich verschwommen. Das Kurzzeitgedächtnis leidet bei Gehirnerschütterung, hat man mir gesagt. Um ehrlich zu sein, ich erinnere mich nicht viel an die Zeit zwischen dem Verlassen meiner Wohnung und dem Aufwachen hier. Der Rest ist ein bisschen wie die chinesische Flagge - rot mit vielen, vielen Sternen.«
»Martha Gravett meint, es könnte jemand mit Ihnen im Treppenhaus gewesen sein.«
»Tut sie das? Na, Martha denkt, dass ihre tote Schwester aus Jersey jeden Nachmittag zum Tee vorbeikommt. Ich würde dem, was sie sagt, nicht viel Gewicht beimessen.«
»Mir kam sie ganz vernünftig vor.«
»Sie leben ja auch nicht in der Wohnung über ihr. Da war keiner, Harry. Glauben Sie mir.«
»Aber eben haben Sie gesagt, Sie könnten sich nicht erinnern.«
»Wenn mich jemand gestoßen hätte, würde ich mich erinnern, falls es das ist, worauf Sie hinauswollen.«
»Wirklich?«
»Sie meinen, die Leute, die Torben erwischt haben, hätten auch mich erwischt?«
»Vielleicht.«
»Dann müssen sie aber nachgelassen haben. Als tödlicher Unfall war mein Sturz nicht gerade sehr erfolgreich.«
»Vielleicht haben Sie bloß Glück gehabt.«
»Glück nennen Sie das?« Hackensack rollte die Augen. »Ich habe die ganze Woche damit zugebracht, mich in einen gutgekleideten Finanzmann zu verwandeln, bloß um hier zu landen. Und die Hose von meinem Wall-Street-Anzug ist vom Hintern bis zum Knöchel aufgerissen. Und meine Erinnerung ist voller Löcher. Die meisten Leute würden denken, dass ich so viel Pech hatte, wie man an einem durchschnittlichen Tag nur haben kann.«
»Schon gut.« Harry hob beschwichtigend die Hände. »Ich bin auf Ihrer Seite. Wissen Sie wenigstens das noch?«
»Klar. Und ich erinnere mich, dass ich mich bereit erklärt habe, Ihnen einen Gefallen zu tun. Wie könnte ich das vergessen? Zum Teil bin ich ja auch deshalb auf der Treppe ausgerutscht.« »Wieso das?«
»Ich bin letzte Woche zur Columbia University gegangen und habe mich nach Ihrem und meinem Freund erkundigt, Carl Dobermann. Fehlanzeige. Keiner vom Hauspersonal ist schon so lange da, und von den wissenschaftlichen Mitarbeitern auch nicht, soweit ich das feststellen konnte. Dobermann ist auch nicht gerade der Typ für lokale Legenden. Wie ich Ihnen schon sagte, keiner interessierte sich für die alten Zei ten. Ich habe den Index für 1958 von Times und Post durchge sehen: Kein Eintrag über Dobermann. Keine Spur von ihm.« »Was hat das mit Ihrem Treppensturz zu tun?« »Hach, tut mir leid, ich verliere dauernd den Faden.« Hackensack schlug sich mit dem Handballen an die bandagierte Stirn. »Ich habe Namen und Adresse von einem Labortechniker, der mehr als vierzig Jahre an der Columbia University war. Er ging vor achtzehn Monaten in Pension: Isaac Rosenbaum. Wohnt jetzt bei seiner Tochter unten in Philadelphia. Das ist der Punkt. Ich wusste, Sie würden hören wollen, was ich herausgefunden habe, also wollte ich in Philadelphia Station machen und den alten Knaben aufsuchen. Deshalb war ich so in Eile, um den Mittagszug noch zu erwischen, damit ich unterwegs haltmachen konnte. Und das« -er klopfte an seinen Gipsverband - »habe ich davon.« »Soll das heißen, dass alles meine Schuld ist?« »Na klar! Und Sie können es gutmachen, indem Sie meinen Stresspegel verringern. Der muss ganz unten sein, damit ich schnell gesund werde.« »Was kann ich dafür tun?« »Sagen Sie Ihren Termin bei Lazenby ab.« »Habe ich nicht gesagt, dass ich das tun werde?« »Doch, haben Sie.« Hackensack grinste. »Aber ich habe Ihnen nicht geglaubt.«
Als Harry eine Stunde später ging, hatte er Hackensack noch immer nicht davon überzeugt, dass er seinen Termin bei Lazenby wirklich absagen wollte. Das war nicht weiter überraschend, da er selbst auch nicht davon überzeugt war. Warum kehrtmachen, wo er schon so weit gekommen war? Warum seinen Nerven die Chance geben, doch noch zu versagen? Vielleicht würden sie noch vierundzwanzig Stunden standhalten,
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