Die Zeit der Feuerblüten: Roman (German Edition)
unterbrachte. »Ach ja, und du solltest sie melken.«
Cat hätte das am liebsten selbst getan, eigentlich zog sie nichts zurück ins Tal, aber noch während sie die Pferde im Windschatten der Missionsstation anband, forderten zwei Frauen ihre Hilfe an. Die beiden sollten einen Handwagen mit Säcken hinunterbringen, die die Missionare eilig füllten. Natürlich wieder nicht mit Sand, sondern mit Steinen und der gelben Erde, die auch oberhalb der Station vorherrschte. Sie würde der Gewalt des Stroms sicher nicht standhalten, wahrscheinlich spülte das Wasser sie aus den grob gewebten Säcken sofort heraus. Die Frauen hielt das jedoch nicht auf. Sie waren mit Feuereifer dabei, den Handwagen zu beladen, und hätte Cat ihre Bedenken geäußert, wären sie wahrscheinlich über sie hergefallen.
»Warum spannen Sie nicht die Pferde an?«, wagte Cat immerhin zu fragen, als sie sich dann gemeinsam mit den Frauen mühte, den schweren Wagen abwechselnd vom Abrutschen auf dem glitschigen Weg nach unten und Steckenbleiben im Schlamm zu bewahren.
»Der Wagen steht bei Lange in der Remise«, keuchte eine der Frauen. »Da müssten wir erst mal hin mit den Tieren. Und wir Frauen … Weißt du, wie man anspannt?«
Cat wusste das nicht, sie hatte bislang schließlich nie mit Pferden zu tun gehabt. Aber diese Frauen waren doch mit ihnen aufgewachsen! Wie kam es, dass sie alles, was damit zu tun hatte, den Männern überließen?
»Ich hab auch Angst vor Pferden!«, bekannte eine der Frauen und wischte sich den Regen aus dem Gesicht. »Nein, so ist es besser.«
Das war es natürlich keinesfalls. Die acht oder neun Säcke, die auf den Handwagen passten, richteten gegen den tobenden Fluss nicht das Geringste aus. Cat sprach die Sache dennoch kein weiteres Mal an, schon um der Pferde willen. Die verbrachten den Tag sicher lieber in Sicherheit auf dem Hügel als bei völlig sinnloser, schwerer Arbeit, die ihnen obendrein Angst machte. Denn ob man hier zehn Säcke hinunterschaffte oder hundert, der Moutere war dadurch nicht aufzuhalten.
Das schafften schon eher die Entwässerungsgräben, die etliche Männer und Frauen weiter unten mit dem Mut und der Kraft der Verzweiflung erweiterten. Sie leiteten das Wasser wenigstens in geringem Maße von den Häusern und Gärten ab – zumindest verhinderten sie eine Überflutung und Abtragung der Erde und der darin wachsenden Pflanzen und Gemüsesorten. Cat griff deshalb lieber ebenfalls zum Spaten, als sich erneut mit den beiden Frauen zur Mission hinaufzukämpfen, um weitere Säcke zu holen. Im strömenden Regen und bis zu den Knien in Schlamm und einfließendem Wasser arbeitete sie mit Ida und Ottfried.
Gegen Mittag brachten die alte Frau Brandmann und ein paar andere Frauen, die es beim besten Willen nicht schafften, noch weiter in der Nässe und der Kälte Gräben auszuheben, Kaffee und Brote. Die Siedler schlangen beides zwischen zwei Spatenstichen hinunter. Ida schluchzte, als allen Bemühungen zum Trotz weiter oben am Fluss ein Haus unterspült wurde und zusammenbrach. Ihr eigenes ragte inzwischen wie eine Insel aus dem Wasser, zumindest im Stall stand die schmutzige Brühe bereits fußhoch.
Cat merkte in ihrem Taumel der Erschöpfung kaum, dass gegen Mittag der Regen nachließ. Am frühen Nachmittag musste ein weiteres Haus aufgegeben werden. Es lag an einer Biegung des Flusses, und die Gräben hielten den hier angeschwemmten Schlamm- und Steinlawinen nicht stand. Die Besitzer, eine Familie mit drei Kindern, beobachteten fassungslos, wie ihr Heim sich brusthoch mit Wasser und Erde füllte. Immerhin brach es nicht ein wie das ihrer Nachbarn.
Gegen vier Uhr meinte Cat dann, einen Rückzug der Flut zu bemerken, und irgendwann, eine oder zwei Stunden später, gab auch Jakob Lange Entwarnung. Sie hatten es geschafft, der Moutere zog sich in sein Bett zurück. Zwar stand rund um die Häuser am Ufer immer noch das Wasser, aber auch das würde in den nächsten Tagen trocknen.
»Insgesamt ist wenig passiert!«, frohlockte Ottfried, als die Brandmanns und Cat endlich die Spaten und Hacken sinken ließen und die Schäden registrierten. »Ein bisschen Wasser im Stall – na ja, im Haus auch, das könnt ihr morgen leicht aufwischen. Im Grunde können wir Gott danken!«
»Aber der Garten ist wieder zerstört«, flüsterte Ida verzweifelt. Ihre Beete waren immer noch von Wasser bedeckt, die Frauen konnten sich ausrechnen, was hier noch übrig sein würde, wenn es ablief. Und diesmal waren auch die
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