Die zerborstene Klinge: Roman (German Edition)
hin?«
»Klein-Varya«, flüsterte ich zurück.
»Das ist auf der falschen Seite von Tien!« Seine Stimme hob sich, und ich gestikulierte heftig, er möge sich zurückhalten.
»Das werden die auch denken, falls sich die Suche nicht bereits über die Stadtgrenzen hinaus erstreckt. Wenn der Leutnant überlebt hat, dann wird er ihnen erzählt haben, dass ein Schwertführer der Täter war. Sie werden die Straßen nach Kodemia überwachen, also gehe ich an der Küste entlang nach Süden ins Magierland. Dort kann ich die Berge über die Hochpässe von Dalridia überqueren. Das dauert länger, ist aber weniger riskant.«
»Abgesehen von der Stelle, an der wir so nahe am Palast vorbeireiten müssen.«
»Ich brauche Efik für die Heimreise, Triss, und Klein-Varyaist der einzige Ort in Tien, wo ich welches bekommen kann. Mein Bein schmerzt immer noch ziemlich stark.«
Triss zischte. »Richtig, auch wenn ich wünschte, es wäre nicht so. Also gut, aber wir müssen schnell machen.«
Ich nickte. »Wirklich, Triss, es kommt alles in Ordnung. Ich komme wieder in Ordnung.« Aber wenn ich nicht bald eine frische Tüte Bohnen bekam, würde ich vor lauter Zittern in meine Einzelteile zerfallen. »Ich weiß, was ich tue.«
13
M öglich, dass sich der Schlüssel zur Gegenwart in der Vergangenheit versteckte. Mein verlorenes Selbst hatte ich in meiner Erinnerung nicht gefunden – obwohl der zitternde Efiksüchtige, der gerade einen König umgebracht hatte, allzu viel mit dem Trinker gemein hatte, der heute in derselben Haut steckte. Aber ich wusste jetzt ganz genau, wo ich nach Devin suchen musste, und dafür konnte ich dem Efik danken. Es war schon komisch, wirklich komisch, dass ich, als ich noch ein Schwertführer gewesen war, in Efik nie etwas anderes gesehen hatte als ein Werkzeug meiner Berufung. Ein gefährliches Werkzeug, das gewiss, aber eben nur ein weiteres Werkzeug, das ich zu nutzen pflegte.
Selbst als ich, nachdem ich nach Tien zurückgekehrt war, das Efik aufgegeben hatte, hatte ich nichts anderes darin gesehen. Ich hatte es aufgegeben, weil der alte Aral, Aral der Königsmörder, Efik getrunken hatte, wenn er es bekommen hatte, und die Bohnen gekaut, wenn das Gebräu nicht verfügbar war, genau wie all die anderen Schwertführer. Und jede verdammte Bohne lieferte mir eine weitere Erinnerung an das Leben, das mir der Sohn des Himmels gestohlen hatte. Gleichzeitig hatte Aral der Königsmörder Alkohol niemals angerührt.
Als also die Zeit gekommen war, den Königsmörder ziehen zu lassen und endgültig zu Aral dem Löhner zu werden, betrank ich mich eine Woche lang Tag für Tag bis zur Bewusstlosigkeit. Das war die beste Möglichkeit, die mir in den Sinn kam, um eine Grenze zwischen diese beiden Leben zu ziehen. Mir ist nie der Gedanke gekommen, dass ich lediglich eine Droge gegen eine andere ausgetauscht hatte. Wenn ich nun mit den Augeneines Trinkers zurückblickte, konnte ich sehen, dass ich damals auch nicht so anders war als all diese Schlafwandler mit ihren Rasiermessern und den mit Efik verkrusteten Wunden. Das war ich in gewisser Weise immer noch nicht, obwohl Triss meinen Efikkonsum gebilligt hatte, meine Trinkerei aber verabscheute.
Seither hatte ich Efik nicht mehr angerührt, aber ich erinnerte mich noch genau, wie es schmeckte, wie ich mich fühlte, wenn ich es genommen hatte, und wo genau ich es finden konnte. Ich wusste, wie viel der Becher kostete und wie viel die Unze und wann die Lieferungen von Varya hereinkamen und welche Schmuggler sie brachten. Da Efik in Tien illegal war, wenn auch der Konsum nicht ernsthaft verfolgt wurde, gab es nur drei Gassenklopfer in der Stadt, in denen man eine ordentliche Tasse bekam oder sich einen Beutel gerösteter Bohnen kaufen konnte.
All diese illegalen Tavernen befanden sich in Klein-Varya. Wenn Devin Efik wollte, war das der Ort, wo er es bekommen konnte, und der, an dem ich ihn finden würde. Es ist schon von Vorteil, dass der größte Teil der Welt nichts über das Schalten und Walten der Klingen seinerzeit wusste, anderenfalls würden auch Parteien wie die Elite wissen, wo sie uns suchen mussten. Aber die Klingen waren immer schon rar gewesen – nur ein paar Hundert bei einer Kontinentalbevölkerung von zig Millionen – und gehörten in den Augen der meisten Menschen eher in das Reich der Legenden und Spekulationen als in die Wirklichkeit. Zudem hatte die Macht der Namara die Erinnerung der wenigen, die mit einem von uns in Kontakt gekommen waren,
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