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Ein Land, das Himmel heißt

Ein Land, das Himmel heißt

Titel: Ein Land, das Himmel heißt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stefanie Gercke
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nennen. Es wäre zu gefährlich, für ihn und für dich.«
    Mit einem Nicken akzeptierte sie seine Worte. »Da gibt es noch etwas.« Sie erzählte ihm von dem Echo im Telefon und dem Mann, der, wie sie glaubte, ihr gefolgt war. »Bilde ich mir das nur ein? Martin tut so, als wäre ich paranoid.« Sie lachte zittrig.
    Er antwortete mit entwaffnender Offenheit. »Oh nein, absolut nicht! Natürlich hört das Büro für Staatssicherheit euer Telefon ab, und garantiert wollen die wissen, was ihr tagsüber so treibt. Mit uns machen die das schon seit Jahren. Kümmer dich einfach nicht drum, tu so, als gäb’s die gar nicht …«, er grinste und kippelte vergnügt mit dem Stuhl. »Macht Spaß, die auszumanövrieren. Ich werde dir mal ein paar Tricks beibringen. Ich denke, du hast nichts von denen zu befürchten. Sei Tommy dankbar, dass er dich völlig im Ungewissen gelassen hat. Sie werden bald von dir ablassen, du bist nur vorübergehend in ihr Visier geraten.«
    Das war alles, was sie an diesem Abend erfuhr. Neil zu erzählen, was Leon bei der Beerdigung zu ihr gesagt hatte, kam ihr nicht in den Sinn. Leons Bemerkung war unter all dem, was in diesen Tagen auf sie einstürzte, begraben worden.
    Tita legte mit besorgter Miene den Arm um ihre Schulter, als sie zusammen zum Wagen gingen. »Es ist spät geworden, Jilly, macht’s dich nicht nervös, allein nach Hause zu fahren?«
    »Absolut nicht«, antwortete sie, »mach dir keine Sorgen. Ich hab ein schnelles Auto«, rief sie noch, ehe sie den Fensterheber betätigte. Das Tor öffnete sich automatisch für sie. Sie war noch nicht ganz hindurch, als sie hörte, wie die Mechanik ansprang und das Tor auf gut geölten Rollen rasselnd wieder ins Schloss lief. Zwei Stunden später parkte sie ihr Auto vor ihrem Elternhaus und stieg aus.
    In dieser Nacht lag sie lange wach, drehte und wendete das, was sie gehört hatte, untersuchte es auf versteckte Bedeutungen, blieb immer wieder an dem Wort Fanatiker hängen, das Tita gebraucht hatte. Von nun an, da war sie sich sicher, würde sie bei jedem Menschen, fremden und auch denen, die sie meinte seit Jahren zu kennen, den Schatten hinter ihm suchen.
    Die Landschaft ihres Lebens hatte sich verändert, lag nicht mehr überschaubar vor ihr, Steine versperrten den Weg, Schlaglöcher verbargen sich unter trügerisch sicherer Oberfläche, Abgründe lauerten. Sie würde ihre Schritte in Zukunft vorsichtiger setzen. Wenn das der Anfang ist, dachte sie, wie wird es enden?
    *
    Martin und Jill heirateten mit zwei Monaten Verspätung, am 8. Januar 1990, in einem kahlen, nach Bohnerwachs riechenden Magistratsbüro in Richards Bay, nur mit ihrem Vater und den Farringtons als Zeugen. Mit dürren Worten erklärte der Beamte sie zu Mann und Frau. Martin küsste sie und steckte ihr den Ehering an den Ringfinger, an dem der Verlobungsdiamant im kalten Neonlicht vielfarbige Funken sprühte. »Du wirst sehen, nun wird alles gut«, flüsterte er, sah sie mit jenem Blick an, der ihr Hitze in den Kopf steigen ließ und die Knie weich machte. Mit aller Inbrunst glaubte sie ihm.
    In Anbetracht von Tommys Tod feierten sie ihre Hochzeit im engsten Kreis. Außer ihrem Vater und ihrer Mutter nahmen nur Leon, seine Frau Lorraine, die Farringtons, die Konnings und die Robertsons an dem anschließenden Essen auf Inqaba teil. Martin schenkte Angelica gerade ein Glas Wein ein, als Carlotta auf die Terrasse huschte. Von einem tiefschwarzen Schleierkaftan umweht, schwebte sie unsicher hierher und dorthin, steckte ihre Nase in die Gardenienblüten, gaukelte auf und ab wie ein Trauerfalter.
    »Guten Abend«, hauchte sie, legte ihr Gewand in elegante Falten und setzte sich, ohne jemanden dabei anzusehen, an den mit Silber und weißem Porzellan gedeckten Tisch. Als wäre das Gewicht zu viel für sie, griff sie zeitlupenlangsam nach ihrer Serviette und breitete sie über ihren Schoß aus. Dann saß sie da, die Hände im Schoß, den Kopf gesenkt, den Blick nach innen gekehrt. Auf ihrem Blütenstengelhals wirkte ihr Kopf mit den aufgesteckten Haaren wie eine schwarze Rosenknospe, ihre schmalen Handgelenke wie zerbrechliche Zweiglein, und ihr Gesicht hatte die bläuliche Durchsichtigkeit von chinesischem Porzellan.
    Besorgt bemerkte Jill die Spuren, die der Tod Tommys bei ihr hinterlassen hatte. Gerötete Lidränder, gedunsene Augenpartie, aufgeschwemmte Züge, und sie fragte sich, wie wohl Carlottas Nächte aussehen mochten. Manches Mal stand sie vor ihrer Tür, hörte ihr

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