Ein Land, das Himmel heißt
leises Weinen, aber die Tür blieb verschlossen, so nachdrücklich sie auch um Einlass bat. Sie rechnete nach. Mitte vierzig war ihre Mutter jetzt, und nur die Kraft ihres Mannes schien sie noch aufrecht zu halten. »Sie wird immer weniger, als ob sie langsam eintrocknete«, flüsterte sie Martin zu, »es muss etwas geschehen, sonst hört sie irgendwann einfach auf, zu existieren. Ich werde sie überreden, zu dieser Ärztin in Durban North zu gehen. Sie kennen sich schon seit Ewigkeiten.«
»Deine Mutter braucht einen Psychiater, keine praktische Ärztin, auch wenn sie sich schon lange kennen«, antwortete er, ebenso leise, »der Tod von deinem Bruder hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Eigentlich gehört sie in eine Klinik.«
Tita, die neben ihm saß, sehr elegant in einem schwarzen Etuikleid, mischte sich ein. »Ich gebe dir die Adresse einer guten Freundin, einer ausgezeichneten Psychologin, Jill. Sie ist sehr einfühlsam.«
Jill nickte dankbar. Es wurde ein gedrücktes, schweigsames Hochzeitsmahl, das Leon mit einer kurzen Rede auf Englisch aufzulockern versuchte. Am Schluss hieß er sie in der Bernitt-Familie willkommen, zog sie in seine Arme, schaute sie mit diesen irritierenden Augen an. Sie reichte ihm knapp bis zum Kinn, bog ihren Kopf zurück, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Langsam hob er erst ihre Hand, küsste sie, beugte sich dann zu ihr, und sie spürte, wie er ihre Lippen streifte, bevor der Kuss auf ihrer Wange landete. Sein Lächeln entblößte nackte sexuelle Gier. Sie zuckte zurück und befreite sich hastig aus seinem kräftigen Griff. »Lass das«, sagte sie scharf.
Lorraine, ihre frisch gebackene Schwägerin, sehr blond, hübsch auf eine etwas ordinäre Art, in Yves St. Laurents Poison eingehüllt wie in einen wehenden Umhang, warf sich ihr an den Hals. »Meine liebe Jill«, zwitscherte sie in ihrer hohen Kinderstimme, »ich bin so glücklich, dass wir jetzt Schwestern sind.«
Jill erduldete ihre Umarmung mit Haltung, überlegte kurz, ob Leons Tussi in Johannesburg wohl das genaue Gegenteil zu Lorraine war, und löste sich dann lächelnd, aber bestimmt von ihr. Ihr war nicht nach Lorraines Geplapper zumute. Auf der anderen Seite des Raumes erspähte sie Martin, der neben seinem Bruder stand. Sie schienen in ein intensives Gespräch vertieft zu sein. »Entschuldige mich«, sagte sie und ließ Lorraine stehen. Als sie sich den beiden Brüdern näherte, verstummten die schlagartig.
»Hallo, Liebling, ich hab dich schon vermisst«, sagte Martin und legte seinen Arm um sie, drehte sich dann zu seinem Bruder, »Leon, ich glaube, Lorraine sucht dich …«
Ein scharfer Blick aus seinen kieselgrauen Augen, ein abruptes Nicken, und Leon schlenderte hinüber zu Lorraine, die lebhaft auf Tita einredete.
Jill schmiegte sich in Martins Arme. »Was wollte er? Er sah irgendwie sauer aus.«
»Ach nichts, das hat bei ihm nichts zu sagen, es ist seine Art, denk an das schlecht gelaunte Rhinozeros. Ich wünschte, die würden jetzt alle verschwinden«, murmelte er mit einem verstohlenen Blick auf die anderen und knabberte dabei an ihrem Ohrläppchen.
*
Am 2. Februar 1990 verkündete Präsident de Klerk in seiner Rede vor dem Parlament, dass der African National Congress, die Kommunistische Partei Südafrika und zweiunddreißig weitere Untergrundorganisationen von diesem Tag an nicht länger verboten sein würden. Südafrika hielt den Atem an. Das Land glich einem aufgewühlten Meer. Die Wogen schlugen hoch, mächtige Unterströmungen liefen kreuz und quer. Seit Wochen spitzten sich die Gerüchte zu, dass Nelson Mandela in wenigen Tagen als freier Mann aus dem Tor des Victor-Verster-Gefängnisses treten würde. Unruhe lag in der Luft, man spürte sie überall. Vorsichtig, misstrauisch wie die scheuen Waldwesen, zu denen sie geworden waren, wagten sich die ersten Widerstandskämpfer ans Tageslicht. Die farbige Bevölkerung tanzte im Freudentaumel durch die Straßen und jagte der überwiegenden Mehrheit der Weißen Höllenangst ein.
Am 11. Februar 1990 wurde Nelson Mandela freigelassen, und ganz Südafrika feierte tagelang eine riesige Straßenparty. Aber als die Feier zu Ende war, die Partygäste müde und das Bier schal, senkte sich eine unheilschwangere Unruhe über das Land. Die Landeswährung, der Rand, stürzte ab. Die Kriminalität explodierte. Überzeugt davon, dass ihr Land in Kürze in einem Blutbad versinken würde, begannen die Weißen sich hinter rasiermesserscharfem
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