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Ein Land, das Himmel heißt

Ein Land, das Himmel heißt

Titel: Ein Land, das Himmel heißt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stefanie Gercke
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Natostacheldraht und elektrischen Zäunen zu verschanzen. Sie bewaffneten sich bis an die Zähne, schliefen mit ihren Gewehren in Griffweite und den Fingern auf dem Alarmknopf ihrer Dachsirenen.
    Am anderen Ende der Welt fiel eine Mauer zusammen, aber sie hörten nicht das Krachen, ahnten nicht, dass die Druckwelle auch sie erfassen würde. Die Wogen der steigenden Flut brachen sich weit draußen, hinter den Hügeln. Auf Inqaba änderte sich nichts. Die Frauen zogen jeden Morgen singend auf die Ananasfelder, Nelly kommandierte Thoko und Bongi im Haushalt herum, Ben führte Harrys Anweisungen aus und überwachte die Arbeiten auf den Obstplantagen und Baumwollfeldern. Inqaba wurde zu einer Insel im sturmgepeitschten Meer.

4
    J ill kehrte am späten Vormittag aus Mtubatuba zurück. Sie war nur kurz fort gewesen, um ein paar Medikamente bei der Apotheke abzuholen, die ihrer Mutter verschrieben worden waren. Als sie vor dem Haus ausstieg, setzte ein stürmischer Platzregen ein, typisch für den Februar, durchnässte sie in Sekunden bis auf die Haut. Mit einem Handtuch aus der Gästetoilette rubbelte sie sich die Haare trocken und klopfte dann an die Schlafzimmertür ihrer Mutter. Als sie auch nach dem dritten Klopfen keine Antwort bekam, öffnete sie entschlossen die Tür. »Mama?«, fragte sie. »Bist du da?«
    Ein Schnarchen antwortete ihr. Befremdet trat sie ein. Der Raum war leer, aber Röcheln und unverständliches Murmeln wiesen ihr den Weg zum Badezimmer. Ihre Mutter lag auf dem Bauch auf den rosa Fliesen, eine hässliche, blaurote Beule verunzierte ihre Stirn, ihre Hand, die in den zersplitterten Resten einer Flasche lag, blutete stark. Süßlicher Alkoholgeruch hing wie eine Wolke in dem Raum. Jill hustete. Mit einem Schock erkannte sie, was die Schönheit ihrer Mutter zerstörte. Sie war sturzbetrunken, sternhagelvoll, zugedröhnt, besoffen. Unfassbar, dass diese Vokabeln auf ihre Mutter passten. Aufgewühlt suchte sie ihren Vater und fand ihn bei den Pferdeställen. »Ich will nicht, dass Martin sie so sieht«, sagte sie, »hilf mir, sie ins Bett zu bringen.«
    Sie durchsuchte das ganze Haus nach versteckten Alkoholvorräten, zerschlug jede Flasche und spülte den Inhalt in den Ausguss. Es war ihr fast unmöglich, das Wort Alkoholikerin mit ihrer Mutter in Zusammenhang zu bringen. Aber das war aus ihr geworden. Der Alkohol hatte die klaren Linien ihres Porzellangesichts verwischt, den Glanz aus ihren Augen und ihrem Haar genommen. Den Kampf, den Jill und ihr Vater in den nächsten Wochen um sie ausfochten, konnte sie vor Martin nicht geheim halten.
    »Kommt in den besten Familien vor«, war sein zweifelhafter Trost. Es schien ihn nicht sehr zu berühren, nur dass Jill in dieser Zeit abmagerte und immer stiller wurde, machte ihm sichtlich Sorgen. »Heute Abend gehen wir in Umhlanga essen, morgen treffen wir uns mit Lina und Marius«, bestimmte er, »du musst raus hier. Bald hab ich nur noch ein Bündel Knochen im Arm, ist nicht gerade ein erotischer Anreiz.«
    »Ich kann Mama nicht allein lassen …«
    »Du kannst und du wirst«, unterbrach er sie, »dein Vater ist hier, und Nelly und Ben ebenfalls. Zieh dir das neue Kleid an, das rote mit den kleinen Trägern und dem großen Ausschnitt.«
    Die Nacht zum Sonnabend verbrachten sie im Spatzennest. Nach dem Frühstück spazierten sie über die Strandpromenade Umhlangas durch die quirlige Menge der Wochenendgäste zum Ort. Noch vor zwei Monaten wären es nur Weiße gewesen, die hier zu Füßen der Hotels und Apartmenthäuser flanierten, heute waren es Menschen aller Hautfarben. Sie veranstalteten Picknicks am Strand, kletterten im Felsenriff herum, schwammen in den heranrauschenden Brechern. Ein paar gewichtige schwarze Damen in Unterkleidern planschten entzückt kreischend in einem Felsenteich, mehrere Zulukinder teilten sich ein abgebrochenes Surfbrett aus Kunststoff und rutschten schreiend vor Vergnügen durch die auslaufenden Wellen.
    »Die werden unsere Strände überlaufen und überall ihren Dreck herumliegen lassen«, murmelte Martin, als sie die Treppen zur Lighthouse Road hinaufstiegen, die zwischen den Hotels Oyster Box und Beverly Hills in den Ort führte.
    »Wenn das der einzige Preis ist, den wir zahlen müssen, schätze ich mich glücklich«, entgegnete sie. Der warme Wind spielte mit ihren Haaren, streichelte ihre Haut, und zum ersten Mal seit jenen schrecklichen Tagen ließ der Druck nach. Als wäre sie tatsächlich leichter geworden, drehte sie

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