Ein Land, das Himmel heißt
eine schnelle Pirouette. »Glücklich«, sang sie und lief die Treppen hinauf, wandte sich auf dem ersten Absatz dem Meer zu. Hinter der Brandung, die sich weiß schäumend auf den Felsen vor dem Leuchtturm brach, zog eine Gruppe Delfine nach Norden. »Glücklich«, seufzte sie.
Fünf junge Männer, alle schwarz, kamen ihnen auf der abschüssigen Straße, die zum Ort führte, entgegen. Jill achtete nicht auf sie, ging einfach weiter, erwartete automatisch, dass sie ihnen Platz machen würden. Schwarze machten Weißen immer Platz.
Doch sie taten es nicht. Sie wichen nicht auf die Straße zurück, auch sie betraten die Treppe, und dann standen sie sich gegenüber. Jill sah überrascht hoch und blickte in fünf schwarze Gesichter. Keiner der Männer lächelte; wenn sie eine Gemütsregung zeigten, war es Entschlossenheit und Herausforderung. Sie standen zwei Stufen über ihr und Martin auf dem ersten Treppenabsatz, überragten sie um einen halben Meter, und sie standen mit geraden Rücken, keiner senkte unterwürfig den Blick vor ihnen, den Weißen.
Das sind keine normalen Hausangestellten oder Laufburschen, schoss es ihr durch den Kopf. Ihre Körper waren sehnig und durchtrainiert, ihre Blicke zupackend wie die von Jägern. Jägern, die getötet hatten. Plötzlich wusste sie, dass sie ehemaligen Untergrundkämpfern gegenüberstand. Das neue Südafrika starrte ihr ins Gesicht.
Aus den tiefsten Schichten ihrer Persönlichkeit, in der früheste Erfahrungen zu Instinkten gewandelt werden, brach ein Gefühl durch, überwand die Barriere ihres Bewusstseins. Die Angst vor dem schwarzen Mann überschwemmte sie wie eine Flutwelle, dieser namenlose Terror, ihn eines Nachts über sich zu sehen, riesig und schwarz, das blinkende Messer in der Faust, Mordlust in den blutunterlaufenen Augen. Jeder weiße Südafrikaner saugte diese Angst, diese Bilder schon mit der Muttermilch auf. Schockiert entdeckte sie, dass sie sich nicht von dem Rest der weißen Bevölkerung unterschied. Gänsehaut prickelte auf ihren Armen, ihr Puls stolperte. Sie befahl sich, an Nelly und Ben zu denken, an Jonas, Popi, Thandi und den Mann mit dem Büffeldornzweig an Tommys Grab. Sie atmete tief durch und überlegte.
Um ihnen aus dem Weg zu gehen, würden sie entweder die Treppe hinunter auf den vorigen Absatz ausweichen oder sich flach an die Seitenmauer pressen müssen. Sie zögerte, und dabei flatterten schon wieder Dutzende panischer Schmetterlinge in ihrem Bauch. In der weißen Gesellschaft konnte sie in einer solchen Situation den Vortritt und Ritterlichkeit erwarten. Eine Frau in der traditionellen Zulugesellschaft stand in der Rangordnung auf der untersten Stufe, lag in der männlichen Wertschätzung oft hinter den Rindern. Noch heute servierte sie ihrem Mann das Essen auf Knien. Sie würde mit gesenkten Augen beiseite treten.
Schlagartig drängte sich ihr die Gewissheit auf, dass sie genau das tun musste, um ungeschoren aus dieser Situation herauszukommen, aber sie war nicht allein. Martin war bei ihr, und sie vermutete, dass er nie seinen Blick senken, nie aus dem Weg gehen würde. Und sie befürchtete, dass dies den fünf Männern auch nicht genügen würde. Waren es Zulus, die noch ihre Ahnen ehrten? Oder waren es Township-Zulus ohne Wurzeln, Tsotsies, die die Alten verhöhnten? Wie würden sie reagieren? Die Antwort war, dass sie das absolut nicht einschätzen konnte. Diese Erkenntnis versetzte die Schmetterlinge in ihrem Bauch in noch größeren Aufruhr.
»Du musst lernen, welches der magische Kreis ist. Sie werden dich nur angreifen, wenn du diesen verletzt.« Als spulte ein Tonband ab, hörte sie Bens Stimme aus ihrer Kindheit.
Fünf Paar dunkle Augen liefen über sie hinweg und blieben abschätzend an Martin hängen. Martins Hand umschloss ihre wie eine Klammer. Seine Muskeln waren gespannt, als wollte er gleich losspringen. Genau das musste sie verhindern. »Du hast keine Chance gegen die«, wisperte sie ihm auf Deutsch zu, doch er schien sie nicht zu hören.
Was sollte sie tun? Welches Verhalten würde sie sicher aus dieser brenzligen Situation herausführen? Sie bemerkte, dass einer der Zulus seine Hand hinter dem Rücken hielt. Versteckte er ein Messer? Ihr Puls schoss hoch, das Blut rauschte in ihren Ohren, ihre Hand in Martins wurde glitschig von kaltem Schweiß. »Vorsicht, Messer«, zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen. Martin drückte ihre Hand kurz. Er hatte sie verstanden.
Der Größte unter ihnen, ein bulliger
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