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Elfenlicht

Elfenlicht

Titel: Elfenlicht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Bernhard Hennen
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war so schwarz wie der Felsen, die Haut von marmornem Weiß. Sie war mädchenhaft schlank, die Brüste nur sanfte Hügel. Neugierig blickte sie sich um.
    Sebastien erhob sich aus seinem Versteck.
    Die Selkie strich sich fröstelnd über die Arme, noch bevor sie ihn bemerkte.
    Lautlos glitt er zwischen den Felsen heran.
    Als spüre sie seinen Blick, wandte sich die Selkie plötzlich um. Sie musterte ihn, zeigte aber keinerlei Anzeichen von Angst. Sie sprach ihn an. Ihre Stimme war erstaunlich tief für eine Frau. Sebastien verstand ihre Worte nicht.
    Neugierig streckte die Selkie eine Hand nach ihm aus. Ihre Finger glitten durch seinen Leib.
    »Jetzt!«, hetzte die Stimme des Schattens. »Ich wünschte, wir hätten richtige Fänge und könnten diesem einfältigen Weib die Kehle herausreißen.«
    Sebastien wollte davon nichts hören. Er wollte einfach nur dastehen und in diesen wunderbaren Augen ertrinken. Etwas, das so schön war, konnte doch nicht böse sein! Die Selkie lächelte. Sie rieb sich die Hände. Man sah ihr an, dass sie fror. Ihre Brustwarzen hatten sich aufgerichtet. Sie duftete auf wunderbare Weise nach der See. Schalkhaft zwinkernd sagte sie wieder etwas. Der Abt wünschte, er könnte sie verstehen.
    »Erinnerst du dich noch an die Worte von Jules? Sie werden dich prüfen, die Albenkinder. Ihre Schönheit wird deinen Glauben erschüttern. Doch hinter dieser Maske verbergen sich verrottete Herzen. Sie sind die Mörder des heiligen Guillaume und all der anderen Märtyrer. Lass dich nicht blenden!«
    Der verfluchte Schatten konnte in seinen Erinnerungen lesen! »Bist du ein Verräter an Tjured, Sebastien? Erinnere dich, du bist nicht allein. Du, ich, all deine Brüder und Schwestern. Wir sind vereint. Du bist unser Führer im Geist. Du entscheidest, was dieser Leib tut, der ein Schwert in Diensten Tjureds sein sollte. Weiche vorn Weg ab, und du machst auch uns zu Verrätern!« Sebastien wollte das nicht hören! Es war die Wahrheit. Er wusste es. Aber diese Augen ... Die Selkie zeigte keinerlei Furcht vor ihm. Sie beschwerte sich lediglich über die Kälte. Sie war unschuldig. Wenn er sie tötete, dann war es, als ermorde er ein Kind.
    »Hast du ihre feinen, nadelspitzen Zähne gesehen? Sieh hin! Damit zerreißt sie Fische, wie du mit deinen Fingern eine Blume zerpflückst. Sie ist nicht das, was du in ihr siehst. Sie ist eine Räuberin im Garten der See. Ihre Augen und ihr verführerischer Leib sind Waffen, Sebastien. Sei nicht töricht! Du warst ein Krieger, bevor du der Stimme Tjureds gefolgt bist. Erinnere dich! Nicht jeder Feind trägt Schwert und Rüstung. Verschenke nicht leichtfertig dein Vertrauen!« Leichtfertig wäre es, der Stimme des Schattens zu vertrauen, dachte der Abt bitter. Doch er konnte sich der Wahrheit seiner Worte nicht völlig verschließen. Er hatte eine Pflicht gegenüber seinen Brüdern und Schwestern. Sie hatten sich ihm anvertraut.
    Die lange Schnauze stieß in die Brust der Selkie. Ihre Augenweiteten sich. Erst vor Überraschung, dann war es Schrecken. Die Kälte seiner Berührung färbte ihre Lippen blau. Ein langer Seufzer entstieg ihrer Kehle. Ihre wunderschönen Augen schienen noch heller, noch lebendiger zu strahlen, während er ihr das Licht der Lebenskraft aus der Brust riss.
    Ihre Haut verwelkte. Das Fleisch schmolz von ihren Knochen. Die sinnlichen Lippen schrumpften zusammen und entblößten ihre muschelweißen, ebenmäßigen Zähne. Der Schatten hatte gelogen!
    Zuletzt verloschen ihre Augen. Sie verloren sogar ihre wunderbare grüne Farbe. Wie zwei kalte harte Kiesel lagen sie in den Augenhöhlen, die plötzlich zu groß zu sein schienen.
    Sebastien spürte eine beängstigende Kraft durch seinen Leib aus kaltem Licht pulsieren. Er fühlte sich so erhaben, als könne er Blitze vom Himmel pflücken. Er ... Nein! Es war nicht er, der so fühlte! Das war der Schatten! Das, was von ihm noch blieb, von einem Mann mit ehernen Grundsätzen, einem Mann, der, obwohl er Krieger gewesen war, sich dennoch ein Gewissen erhalten hatte, das war nur noch das elende Gefühl, einen schrecklichen Fehler begangene zu haben. Konnte Gott ihn betrogen haben? Wo hatte er gefehlt, dass ihm ein solches Schicksal aufgebürdet worden war?
    Die Bestie in ihm hob das Haupt. Das Wasser der Grotte teilte sich. Ein kleiner, schwarzer Kopf eilte dem Felsufer entgegen. Ein Kopf mit leuchtenden Augen! Noch eine Selkie! Vom Wasser aus konnte sie den zusammengeschrumpften Kadaver ihrer Gefährtin nicht

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