Endstation Kabul
ihren 24-Stunden-Schichten oben in der OPZ niemals gekommen wären. Man kann halt schlecht mal eben für ein Viertelstündchen auftauchen und dann von null auf hundert sämtliche Informationen haben wollen. Die Leute unterhalten sich eher mit denen, deren Gesicht sie kennen, die jeden Tag da sind und von denen sie für sich auch etwas erwarten können. Für die Informationsgewinnung, das erlebte ich jeden Tag aufs Neue, brauchte es in erster Linie viel Geduld, Vertrauen und ein respektvolles Miteinander.
Nachdem ich meine tägliche Meldung über die Gesprächsaufklärung vom Vortag in der OPZ abgeliefert hatte, sprach mich der österreichische Offizier auf meine Kontakte an. Speziell ein Mitglied des »zweiten Geschlechts«, wie in Afghanistan die Frauen genannt werden, war sehr interessant für ihn. Diese Delegierte der Loya Jirga lebte in Deutschland und sprach ein perfektes Deutsch. Ich hatte sie ein paar Tage vorher an der Hotelbar kennengelernt. Als sie auf mich zukam, stockte mir kurz der Atem. In ihrem beigefarbenen Kostüm, mit schulterlangen schwarzen Haaren und knallrot geschminkten Lippen war sie nicht nur ein sehr erfreulicher, sondern im Land der Totalverschleierung auch ein sehr exotischer Anblick. Sie sprach mich auf Englisch an und fragte, was ich hier täte. Ich erklärte es ihr und wunderte mich, dass sie immer wieder auf meine Hoheitszeichen an meinem Ärmel der Uniformjacke schaute. Als ich sie fragte, woher sie komme, sagte sie: »from Germany«. Was für eine Überraschung!
Wir schwenkten sofort auf Deutsch um, das sie beeindruckend gut sprach. Gleichzeitig schrillten meine Alarmglocken. Konnte das purer Zufall sein? Ich wusste ja nur zu gut, dass sich hier auch jede Menge Geheimdienste herumdrückten, und überlegte kurz, ob sie von diesen auf mich angesetzt worden war, was sich aber nicht bestätigte. Nachdem sie mir erzählt hatte, sie sei Delegierte, warf ich meine anfänglichen Befürchtungen über Bord und nahm mir vor, weiterhin Kontakt zu ihr zu halten. Sie würde mir im Laufe unserer Gespräche vielleicht ein paar Eindrücke aus dem Zelt schildern, was sich auch bestätigte. Schließlich war die Loya Jirga das alles beherrschende Thema.
Die Offiziere, die im Interconti ihren Gefechtsstand hatten, waren anders als ihre Kollegen aus den Reihen der ISAF. Es war ein offenes Geheimnis, dass die meisten einem Geheimdienst ihres Landes entstammten. Weil die von mir weitergegebenen Informationen der deutschen Loya-Jirga-Abgeordneten qualitativ sehr hochwertig waren, wollte der österreichische Offizier sie unbedingt kennenlernen. Am Abend versuchte ich eine Kontaktanbahnung zu ihr. Als sie aber erkannte, dass ich noch jemanden im Schlepptau hatte, ging sie schnurstracks an mir vorbei. Auch ich machte keine Anstalten, sie aufzuhalten. Eine gute Quelle erschreckt man nicht. Nach ein paar Anstandsminuten sagte ich dem Offizier: »Komisch, sie scheint heute nicht da zu sein.« Das hatte er sich anders vorgestellt. Grummelnd ging er in seine OPZ zurück.
Ich machte es mir in der Lobby gemütlich und beobachtete einen niederländischen Offizier. Alleine über diesen Mann könnte man ein komplettes Buch schreiben. Ein Kumpeltyp, aber nur auf den ersten Blick. In Wahrheit ist er einer der skrupellosesten Menschen, denen ich je begegnet bin. Er hatte sehr gute Kontakte bis hoch in die afghanische Politprominenz. Auch musste er ein großes, nahezu unerschöpfliches Spesenkonto haben.
Ganz schön oft sah ich ihn mit einer Menge Afghanen aus der Politik ein ums andere Mal Saufgelage feiern. An diesem Abend schoss er aber übers Ziel hinaus: Er versprach seinen drei betrunkenen Freunden, dass sie unseren Ruheraum zum Ausschlafen nutzen können. Ich dachte, ich höre nicht recht! Alex und ich waren stinksauer auf diesen Obristen der niederländischen Armee. Uns blieb nichts anderes übrig, als unsere Ausrüstung aus dem Raum zu holen und unser Nachtlager auf dem Balkon einzurichten. Alex schaffte es tatsächlich, mich zu beruhigen – was in der letzten Zeit zu seinem Hauptaufgabengebiet gehörte. Ich brodelte wie ein Vulkan und hätte die drei Afghanen am liebsten aus dem Fenster geworfen. Alex drehte derweil ein paar Runden um das Hotel und beobachtete die Lage. Dabei beruhigte er sich am besten. Allerdings ging dies heute gründlich schief. Er machte die Nacht durch. Offensichtlich hatte seine Selbstberuhigungsmethode total versagt.
Gegen eins hörte ich wieder diese unvermeidlichen Schreie vom Zelt
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