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Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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gehüllten Arme ausbreiten und uns wie Segelschiffe über die flachen Eisebenen treiben lassen.
    Es hatte etwas Schroffes, aber unvergesslich Schönes, auf der Oberfläche der gefrorenen Atmosphäre von Sol Draconi Septem zu marschieren. Der Himmel war vakuumschwarz wie auf der Oberfläche des Mondes, wenn die Sonne schien, aber in der Sekunde nach Sonnenuntergang schienen viele tausend Sterne förmlich ins Blickfeld zu explodieren. Unsere Gewänder und Innenhäute wurden tagsüber ganz gut mit den hohen und niedrigen Weltraumtemperaturen fertig, aber es war offensichtlich, dass nicht einmal die Chitchatuk die Kälte in der Nacht überleben konnten.
    Glücklicherweise kamen wir so schnell auf der Oberfläche voran, dass wir nur während einer sechsstündigen Dunkelperiode Schutz suchen mussten, und die Chitchatuk hatten unseren Aufbruch so geplant, dass wir in den Genuss eines ganzen Tages Sonnenschein kamen, ehe die Nacht begann.
    Es gab weder Berge noch andere Oberflächenkonturen, die größer als Eiswälle oder Furchen gewesen wären; nur während unserer ersten Stunden auf dem Gletscher schien die Sonne auf ein Eisobjekt weit südlich von uns.
    Das, erkannte ich, war die Spitze von Pater Glaucus’ Wolkenkratzer, der viele Kilometer entfernt aus dem Gletscher ragte. Davon abgesehen war die Oberfläche so eben, dass ich mich vorübergehend fragte, wie es den Chitchatuk gelang, nicht die Orientierung zu verlieren, aber dann sah ich, wie Cuchiat die Sonne und dann seinen eigenen Schatten betrachtete. An diesem kurzen Tag bewegten wir uns kontinuierlich Richtung Norden.
    Die Chitchatuk bewegten sich in einer dichten Defensivformation schlittschuh-/skifahrend voran und hatten den Feuerträger und Medizinmann, der sich um Feuer und Luft-/Wasserbeutel kümmerte, in der Mitte, mit Speeren bewaffnete Krieger an den Flanken, Cuchiat vorn und Chiaku – offenbar der zweite Anführer, wie uns jetzt klar wurde – am Ende, wo er in seiner Wachsamkeit fast rückwärts dahinglitt. Jeder Chitchatuk hatte ein Stück Phantomseil um sein Gewand gewickelt – auch um uns drei hatten sie welche geschlungen, als wir uns angezogen hatten –, und als Cuchiat unvermittelt abbremste und nach Osten glitt, um mehreren Spalten auszuweichen, die ich überhaupt nicht gesehen hatte, verstand ich Sinn und Zweck dieser Seile besser. Ich sah in eine hinab – die Eiswand schien sich in ewige Finsternis zu erstrecken – und versuchte, mir den Sturz auszumalen. Am späten Nachmittag desselben Tages verschwand einer der Flankenkrieger plötzlich in einer stummen Wolke von Eiskristallen – und tauchte einen Moment später wieder auf, als Chiaku und Cuchiat die Rettungsseile bereitmachten. Der Krieger hatte seinen Fall selbst abgebremst und die schwarzen Krallenschlittschuhe ausgezogen, die er nun als Kletterhilfen benutzte und sich damit an der lotrechten Eiswand hinaufhangelte wie ein Bergsteiger an einer Steilwand. Ich lernte allmählich, die Chitchatuk nicht zu unterschätzen.
    An diesem ersten Tag sahen wir keine Phantome. Als die Sonne unterging, merkten wir – trotz unserer Erschöpfung –, dass Cuchiat und die anderen sich nicht mehr nach Norden bewegten, sondern Kreise zogen und in das Eis hinabsahen, als suchten sie etwas. Das alles, während der schneidende Wind Eiskristalle gegen uns schleuderte. Ich bin ganz sicher, wenn wir uns in Raumanzügen auf der Oberfläche aufgehalten hätten, wären die Visiere zerkratzt worden. Die Phantomgewänder und - augenlinsen wiesen keinerlei Schäden auf.
    Schließlich ruderte Aichacut an der Stelle weit entfernt im Westen, wohin er gefahren war, mit den Armen – durch die Masken und das Vakuum war keine verbale Kommunikation möglich –, und wir glitten alle in diese Richtung, bis wir schließlich an einem Punkt standen, der sich scheinbar in nichts vom Rest der gefurchten Oberfläche unterschied. Cuchiat winkte uns zurück, löste unser Geschenk, die Axt, von seinem Rücken, wo er sie festgeschnallt hatte, und schlug damit auf das Eis ein. Als die Schicht an der Oberfläche zersplitterte, konnten wir sehen, dass es sich hier nicht um eine weitere Spalte oder Furche handelte, sondern um den schmalen Eingang einer Eishöhle. Vier Krieger zückten ihre Speere, Chichticu gesellte sich mit seiner Glutlampe zu ihnen, danach kroch die Gruppe – Cuchiat voraus – in die Öffnung, während wir anderen in einem schützenden Kreis warteten.
    Einen Augenblick später kam Cuchiats maskierter Kopf wieder

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