Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
Vom Netzwerk:
– Aenea und A. Bettik und Theo und Rachel haben es alle mehr als einmal erwähnt –, aber ich bin dennoch überrascht, als ich das Kind auf seinem hohen, gepolsterten Thron sitzen sehe.
    Es müssen sich drei- bis viertausend Menschen in dem riesigen Empfangssaal aufhalten. Mehrere breite Rolltreppen bringen Gäste gleichzeitig in ein Vorzimmer, das die Größe eines Flugzeughangars hat –
    goldene Säulen tragen eine freskengeschmückte Decke zwanzig Meter über uns; blauweiße Fliesen unter unseren Füßen sind mit kunstvollen Intar-sienbildern aus dem Bardo Thodrol, dem Tibetanischen Totenbuch, geschmückt, ebenso mit Illustrationen der gewaltigen Saatschiffreise der buddhistischen Emigranten von der Alten Erde; riesige goldene Torbögen, durch die wir den Empfangssaal betreten – und der Empfangssaal ist noch größer, die Decke ein einziges gigantisches Oberlicht, durch das man die brodelnden Wolken, die zuckenden Blitze und den von Lampions beleuchteten Berghang deutlich sehen kann. Die drei- oder viertausend Gäste in ihrer festlichen Kleidung sind ein Farbenmeer – wallende Seide, gestärktes Leinen, drapierte und gefärbte Wolle, ein Übermaß an rotschwarz-und-weißen Federn, toupierte Frisuren, dezente, aber wunderbar geschmiedete Armreife, Diademe, Fußbänder, Ohrringe, Tiaras und Gürtel aus Silber, Amethyst, Gold, Jade, Lapislazuli und Dutzenden anderen Edelmetallen. Verstreut in all dieser Eleganz sieht man Dutzende Mönche und Äbte in ihren schlichten orangeroten, goldenen, gelben, safranfarbenen und roten Gewändern, deren rasierte Schädel im Licht von hundert flackernden Kohlebecken auf dreibeinigen Stativen glänzen. Aber der Raum ist so groß, dass ihn diese paar tausend Leute nicht einmal annähernd ausfüllen – die Parkettböden glänzen im Feuerschein, und zwischen den ersten Ausläufern der Menge und dem goldenen Thron sind noch zwanzig Meter Platz.
    Kleine Blasinstrumente ertönen, als die Reihen der Gäste von den Treppen auf die Fliesen des Vorzimmers treten. Die Trompeten bestehen aus Messing und Knochen, und die Reihe der Mönche, die sie spielen, erstreckt sich von den Treppen bis zu den Torbögen – mehr als sechzig Meter konstanter Musik. Hunderte Hörner halten einen Ton minutenlang, hören auf und wechseln zu einem anderen Ton über, ohne dass sich die Trompeter untereinander Zeichen geben würden, und als wir den Haupt-empfangssaal betreten – wo das Vorzimmer hinter uns wie eine gigantische Echokammer wirkt –, werden diese Töne von vier Meter langen Hörnern auf beiden Seiten unserer Prozession aufgegriffen und verstärkt. Die Mönche, die diese monströsen Instrumente spielen, stehen in schmalen Alkoven in den Wänden, die Instrumente liegen auf Ständern auf dem Parkettboden, und die Hörner enden in Trichtern, die wie Lotusblüten mit einem Durchmesser von einem Meter aussehen. Zu dieser konstanten Folge tiefer Töne gesellt sich, gleich dem Nebelhorn eines Schiffes, das vom Grollen eines Gletschers untermalt wird, das Hallen eines gewaltigen Gongs mit einem Durchmesser von mindestens fünf Metern, der in präzisen Intervallen geschlagen wird. Die Luft riecht nach Weihrauch aus den Kohlebecken, und der kaum wahrnehmbare Schleier duftenden Rauchs bewegt sich über den juwelenbedeckten und kunstvoll frisierten Köpfen der Gäste und scheint mit dem Aufsteigen und Fallen der Töne von den Trompeten, Hörnern und dem Gong zu schimmern und zu schwanken.
    Alle Gesichter sind dem Dalai Lama, seiner unmittelbaren Gefolgschaft und seinen Gästen zugewandt. Ich nehme Aeneas Hand, und wir gehen nach rechts, wo wir uns weit entfernt vom Thron und dem Podest, auf dem er steht, entfernt halten. Konstellationen bedeutender Gäste bewegen sich nervös zwischen uns und dem fernen Thron.
    Dann verstummen die tiefen Töne der Hörner. Die letzten Vibrationen des Gongs verhallen. Alle Gäste sind eingetroffen. Die riesigen Türflügel hinter uns werden von Dienern geschlossen, denen man die Anstrengung ansieht. Durch den gigantischen, hallenden Raum kann ich das Prasseln der Flammen in den Dutzenden Kohlebecken hören. Plötzlich trommelt Regen auf das Oberlicht hoch über uns.
    Der Dalai Lama lächelt verhalten, während er im Lotussitz auf zahlreichen Seidenkissen auf einer Plattform sitzt, die ihn in Augenhöhe mit seinen stehenden Gästen bringt. Der Kopf des Jungen ist unbedeckt und rasiert, und er trägt das schlichte rote Gewand eines Lamas. Rechts von ihm, auf einem eigenen

Weitere Kostenlose Bücher