Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
Vom Netzwerk:
gefliesten Korridore, Seide raschelt, Juwelen klirren, die konkurrierenden Düfte von Parfum und Rasierwasser und Seife und Leder liegen in der Luft. Ich kann einen Blick auf die uralte Dorje Phamo vor uns erhaschen – die Donnerkeil-Sau selbst –, der zwei ihrer neun Priesterinnen helfen, alle in elegante safranfarbene Gewänder gekleidet. Die Sau trägt keine Juwelen, aber ihr weißes Haar ist mit Bändern und Spangen geschmückt und zu kunstvollen Knoten und wunderschönen Zöpfen geflochten.
    Aeneas Kleid ist schlicht, aber atemberaubend – königsblaue Seide mit einer kobaltblauen Stola, die ihre sonst nackten Schultern bedeckt, ein Talisman des Mittleren Königreichs aus Silber und Jade, der über ihrem Dekolleté hängt, und ein silberner Kamm im Haar, der einen dünnen halben Schleier hält. Viele der anwesenden Frauen sind heute aus Bescheidenheit verschleiert, und mir wird klar, wie geschickt das das Äußere meiner Freundin maskiert.
    Sie nimmt meinen Arm, dann schreiten wir als Prozession endlose Flure entlang, biegen nach rechts und gleiten auf einer Wendelrolltreppe zu den Etagen des Dalai Lama hinauf.
    Ich beuge mich zu ihr und flüstere ihr in das verschleierte Ohr: »Nervös?«
    Ich sehe die Andeutung eines Lächelns unter dem Schleier, und sie drückt meine Hand.
    Ich bleibe hartnäckig und flüstere: »Spatz, du kannst manchmal die Zukunft sehen. Das weiß ich. Also... überstehen wir den heutigen Abend lebend?«
    Ich bücke mich, als sie sich dicht zu mir neigt und zurückflüstert: »Nur wenige Dinge in jedermanns Zukunft stehen fest, Raul. Das meiste ist flüssig wie...« Sie zeigt auf einen Springbrunnen, an dem wir auf unserem spiralförmigen Aufwärtsweg vorbeikommen. »Aber ich sehe keinen Grund zur Besorgnis, du? Heute Abend sind Tausende Gäste anwesend. Der Dalai Lama kann nur wenige persönlich begrüßen. Seine Gäste... der Pax... wer immer sie sein mögen, haben keinen Grund zu der Annahme, dass wir hier sind.«
    Ich nicke, bin aber nicht überzeugt.
    Plötzlich kommt Labsang Samten, der Bruder des Dalai Lama, lautstark die hochfahrende Treppe heruntergepoltert und verstößt damit gegen jegliches Protokoll. Der Mönch grinst und stammelt fast vor Begeisterung. Er wendet sich an unsere Gruppe, aber Hunderte auf der Treppe hören mit.
    »Die Gäste aus dem All sind sehr bedeutend!«, sagt er enthusiastisch.
    »Ich habe mit unserem Tutor gesprochen, der Assistent des zweiten Oberkommandierenden des Protokollministers ist. Es sind nicht nur Missionare, die wir heute Abend begrüßen!«
    »Nicht?«, fragt Zeremonienmeister Charles Chi-kyap Kempo, der in seinen zahlreichen Lagen roter und goldener Seide prachtvoll anzuschauen ist.
    »Nein!«, sagt Labsang Samten grinsend. »Es ist ein Kardinal der Pax-Kirche. Ein sehr wichtiger Kardinal. Mit mehreren seiner höchsten Leute.«
    Ich spüre, wie mein Magen sich dreht und im freien Fall abstürzt.
    »Welcher Kardinal?«, fragt Aenea. Ihre Stimme wirkt gelassen und interessiert. Wir nähern uns dem oberen Ende der Wendeltreppe, das Ge-räusch von Hunderten oder Tausenden leise murmelnden Gästen liegt in der Luft.
    Labsang Samten rückt sein formelles Mönchsgewand zurecht. »Ein Kardinal Mustafa«, sagt er strahlend. »Jemand, der dem Pax-Papst sehr nahe steht, glaube ich. Der Pax ehrt meinen Bruder, indem er ihn als Gesandten schickt.«
    Ich spüre, wie Aeneas Hand meinen Arm drückt, kann ihren Gesichtsausdruck aber durch den Schleier nicht deutlich sehen.
    »Und einige andere bedeutende Gäste aus dem Pax«, fährt der Mönch fort und dreht sich um, als wir uns der Empfangsetage nähern. »Einschließlich einiger seltsamer Pax-Frauen. Vom Militär, glaube ich.«
    »Hast du ihre Namen verstanden?«, fragt Aenea.
    »Einen«, antwortet Labsang. »General Nemes. Sie ist sehr blass.« Der Bruder des Dalai Lama wendet sich mit seinem breiten, aufrichtigen Lä-
    cheln an Aenea. »Der Kardinal hat eigens darum gebeten, Sie kennen zu lernen, M. Aenea. Sie und Ihren Begleiter, M. Endymion. Der Protokollminister war sehr überrascht, hat aber eine private Zusammenkunft für Sie mit den Leuten des Pax und dem Regenten arrangiert, und natürlich mit meinem Bruder, Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama.«
    Wir sind oben angekommen. Die Treppe verschwindet im Marmorfußboden. Mit Aenea an meinem Arm betrete ich den Lärm und das sorgfältig kontrollierte Chaos der Empfangshalle.

19

    Der Dalai Lama ist erst acht Standardjahre alt. Das hatte ich gewusst

Weitere Kostenlose Bücher