Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung
uns im Fackelschein auf dem Parkettboden untereinander mischten, an den langen Tischen mit vorzüglichen Speisen entlangschritten oder sogar zur Musik einer kleinen Kapelle tanzten – ohne Messing- und Knochentrompeten oder vier Meter lange Hörner. Ich gebe zu, dass ich Aenea fragte, ob sie tanzen wolle, aber sie lächelte, schüttelte den Kopf und führte unsere Gruppe zum nächsten Tisch des Banketts.
Wenig später befanden wir uns in einer Unterhaltung mit der Dorje Phamo und einigen ihrer Priesterinnen.
Ich wusste wohl, dass ich wahrscheinlich einen Fauxpas beging, aber ich fragte die wunderschöne alte Frau trotzdem, warum man sie die Donnerkeil-Sau nannte. Während wir frittierte Tsampabällchen mampften und köstlichen Tee tranken, lachte die Dorje Phamo und erzählte uns die Geschichte.
Auf der Alten Erde hatte die erste derartige Äbtissin eines tibetanischen buddhistischen Männerklosters den Ruf erworben, die Reinkarnation der ursprünglichen Donnerkeil-Sau zu sein, einer Halbgöttin mit schrecklichen Fähigkeiten. Man sagte von dieser ersten Äbtissin Dorje Phamo, dass sie nicht nur sich selbst, sondern alle Lamas ihres Klosters in Schweine verwandelt habe, um feindliche Soldaten in die Flucht zu schlagen.
Als ich diese letzte Inkarnation der Donnerkeil-Sau fragte, ob sie die Gabe bewahrt hätte, sich in ein Schwein zu verwandeln, hob die elegante alte Frau den Kopf und sagte nachdrücklich: »Wenn ich damit die derzeitigen Eindringlinge in die Flucht schlagen könnte, würde ich es sofort tun.«
In den rund drei Stunden, in denen Aenea und ich uns unter die Leute mischten und plauderten und Musik hörten und das Gewitter durch das große Oberlicht beobachteten, war dies, soweit wir es mitbekamen, der einzige negative Satz, der über die Emissäre des Pax – laut – gesagt wurde, auch wenn der ganze Abend unter Seidenpracht und Fröhlichkeit einen nervösen Unterton zu haben schien. Das schien nicht ungewöhnlich, da die Welt T’ien Shan seit fast drei Jahrhunderten vom Pax und dem Rest der posthegemonialen Menschheit getrennt gewesen war – abgesehen von vereinzelten Besuchen durch Freihändlerschiffe.
Der Abend schritt voran, und ich kam allmählich zu der Überzeugung, dass Labsang Samtens Behauptung, der Dalai Lama und seine Gäste aus dem Pax würden uns sehen wollen, auf einem Irrtum beruhte, als plötzlich mehrere Palastangestellte mit großen, runden gelben und roten Hüten zu uns kamen und uns baten, sie zum Dalai Lama zu begleiten.
Ich sah meine Freundin an und war bereit, mit ihr zu fliehen und unseren Rückzug zu decken, sollte sie ein Anzeichen von Furcht oder Zu-rückhaltung zeigen, aber Aenea nickte einfach nur zustimmend und nahm meinen Arm. Das Meer der Gäste bildete eine Gasse für uns, als wir den Angestellten durch den riesigen Saal folgten, wir beide gingen langsam, Arm in Arm, als wäre ich ihr Vater, der sie zu einer traditionellen kirchlichen Trauung führt... oder als wären wir selbst immer ein Paar gewesen. In meiner Tasche hatte ich die Lasertaschenlampe und das Diskey-Tagebuch nebst Kom-Einheit. Der Laser würde wenig nützen, sollte der Pax entschlossen sein, uns zu ergreifen, aber ich hatte beschlossen, das Schiff zu rufen, sollte es zum Äußersten kommen. Statt zuzulassen, dass Aenea festgenommen wurde, würde ich das Schiff lieber mit lodernden Schubdüsen mitten durch dieses wunderbare Oberlicht rasen lassen.
Wir schritten durch den äußeren Vorhang und betraten einen Raum mit Baldachin, wo man die Geräusche von Kapelle und Trubel immer noch deutlich hören konnte. Hier baten uns einige Angestellte mit roten Hüten, die Arme auszustrecken, Handflächen nach oben. Als wir gehorchten, legten sie uns einen weißen Seidenschal auf die Hände, sodass die Enden nach unten hingen. Danach winkte man uns weiter durch den zweiten Vorhang.
Hier begrüßte uns der Zeremonienmeister mit einer Verbeugung – Aenea reagierte mit einem anmutigen Hofknicks, ich mit einer linkischen Verbeugung als Antwort – und führte uns durch die Tür in das kleine Nebenzimmer, wo der Dalai Lama mit seinen Gästen auf uns wartete.
Dieses Privatgemach war wie eine Verlängerung des Throns des Dalai Lama – Gold und Glanz und Seidenbrokat und üppig gemusterte Gobelins, umgekehrte gestickte Swastikas überall zwischen Bildern von aufgehenden Blüten und gewundenen Drachen und kreisenden Mandalas. Die Türen hinter uns wurden geschlossen, und der Lärm der Feier wäre völlig
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