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Finnisches Inferno: Kriminalroman (Arto Ratamo ermittelt) (German Edition)

Finnisches Inferno: Kriminalroman (Arto Ratamo ermittelt) (German Edition)

Titel: Finnisches Inferno: Kriminalroman (Arto Ratamo ermittelt) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Taavi Soininvaara
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bekäme er wie auf dem Tablett serviert die Gelegenheit, eine vietnamesische Schriftprobe Ratamos zu beschaffen.
    Es schneite nicht mehr, aber die Kälte und der Wind hatten zugenommen. Die beiden gingen auf der Laivurinkatu in südlicher Richtung, die Kragen hochgeschlagen und die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Ihr Atem bildete kleine Wolken, die ihnen der heftige Wind ins Gesicht trieb.
    An der Ecke von Laivurinkatu und Vuorimiehenkatu passierten sie ein vierstöckiges Haus, an dessen Wand geschrieben stand: »SCHUTZ UND SCHIRM, 1902«. Ratamo schaute sich die Fenster des Eckzimmers in der ersten Etage genau an und war sich fast sicher, dass dort 1972 rot-weiß karierte Gardinen hingen. Er erinnerte sich noch lebhaft, dass er als Fünfjähriger in seine Tagesmutter Iiris verliebt gewesen war. Nach einem Monat hatte die Studentin genug von Klein-Arto und seiner Wasserpistole.
    Die Korkeavuorenkatu 1 war ein altes sechsstöckiges Haus. Ratamo hatte erst sein massiver Eckturm gefallen und dann die Aussicht. Vom Kinderzimmer, vom Schlaf- und vom Wohnzimmer schaute man auf Parkanlagen, den Vuorimiehen puistikko und den Neitsytpuisto.
    Als Ratamo die Haustür aufriss, hörte er sofort das vertraute Geräusch. Nelli war schon mit ihrer Geige beschäftigt. Er wundertesich, dass die Nachbarn sich noch nicht beschwert hatten.
    »Was gibt’s zu essen?«, fragte Nelli im Flur und schaute unsicher den Begleiter ihres Vaters an, der vor Kälte zitterte. Sie hatte Angst vor fremden Männern.
    »Schauen wir mal, sagte der Astronom. Im Schrank wird sich schon irgendwas finden. Das ist mein Kollege Erik, er hat versprochen, uns etwas zu kochen. Läuft die Nase noch?« Ratamo bemerkte, dass Nelli immer noch schmollte. Er hatte sie schon zwei Abende hintereinander in Markettas Obhut geben müssen, und auch heute würde Himoaalto zu Besuch kommen. Sein Gewissen regte sich wieder.
    Nelli antwortete ihrem Vater nicht und kam auch nicht zu den Männern in die Küche. Damit ihr Vater sie beachtete, sägte sie so eifrig mit dem Bogen auf den Saiten, dass Ratamo fürchtete, die Scheiben könnten zerspringen. Er schloss die Küchentür. »Ich würde diesen Lärm jederzeit gegen eine Feueralarmsirene eintauschen. Deren Geräusch ist wenigstens regelmäßig, da weiß man, was kommt«, klagte er.
    Die Küche war der einzige zumindest teilweise modern eingerichtete Raum der Wohnung. Trotz beharrlicher Bemühungen war es Ratamo nicht gelungen, bei Versteigerungen oder in Antiquitätengeschäften alte Küchenschränke zu finden. Er untersuchte den Inhalt des Speiseschranks: »Erbsensuppe, Basmatireis, zwei Sorten Nudeln, Bohnen, Tomatenpüree, Mais …«
    Auch Wrede durchstöberte nun die Sammlung von Büchsen und Dosen und hob schließlich eine Dose mit braun-weißem Etikett hoch, als wäre es der Grand Prix: »Sauvon Pilzwürfel. Das wird die Basis für die Pastasoße.« Plötzlich machte er ein ernstes Gesicht. »Mindestens haltbar bis 30.   6.   2001. Ob man die noch essen darf? Das scheinen ja alte Erbstücke zu sein.«»Alle Pilze sind essbar – manche allerdings nur einmal«, erwiderte Ratamo und lachte überschwänglich.
    Wrede fragte, ob es in der Küche auch frisches Gemüse gäbe, dann wühlte er im Besteckkasten herum und lamentierte wortreich, weil sich kein Gemüsemesser fand. Er erzählte, dass er Küchenmesser sammelte und gewöhnt war, beim Schneiden das Werkzeug zu benutzen, das genau für die jeweiligen Lebensmittel bestimmt war.
    Ein Gemüsemesser hielt Ratamo für genauso notwendig wie eine aufblasbare Dartscheibe, aber er erkundigte sich dennoch höflich nach dem Hobby seines Gastes. Dunkel erinnerte er sich, dass irgendein Kollege mal von Wrede als dem Küchenmessermann gesprochen hatte.
    Schon bald garte in der Kasserolle ein Gemisch aus Zwiebeln, Pilzen, Tomatenpüree, Gewürzen, Knoblauch und verschrumpeltem Gemüse aus den Tiefen des Kühlschranks und verbreitete einen himmlischen Duft. Wrede bat Ratamo, die Nudeln in das kochende Wasser zu geben und die Soßenmischung von Zeit zu Zeit umzurühren. Dann sagte er, dass er die Toilette benutzen müsse, und schloss die Tür hinter sich. Zum Glück hatte das Mädchen aufgehört, die Geige zu traktieren.
    Der Spiegel im Badezimmer zeigte gnadenlos die schwarzen Augenringe. Wrede schuftete so sehr, dass er vor Erschöpfung fast umfiel, aber bei ihm zu Hause verlangte man, er müsse noch mehr für seine Karriere tun. Kariina begriff nicht, dass er nie ähnliche

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