Finnisches Inferno: Kriminalroman (Arto Ratamo ermittelt) (German Edition)
nicht. Sie wagte nicht einmal, zu den Angestellten am Empfang hinüberzuschauen. Die Menschen unterhielten sich leise wie immer in Krankenhäusern.
Sie stieg langsam die letzten Stufen hinunter und hastete auf den Hof hinaus. Das Sonnenlicht blendete sie; das musste an den Medikamenten liegen. Gierig atmete sie die frische Luft ein und betrachtete dann mit zusammengekniffenen Augen die pfeilförmigen Schilder, die nach rechts wiesen: Kantonsapotheke, Augenklinik, Frauenheilkunde, Neurologie, Verwaltungsdirektion. Das Krankenhausgelände war riesig. Sie ging indie andere Richtung. Nach links wies nur ein einziger Pfeil: Rämistrasse 100/Portier.
Sie schaute in die Richtung des Pfeils und sah, wie eine Straßenbahn vorbeiraste.
22
Ratamo lachte schallend und legte den Hörer auf. Irgendein entfernter Bekannter hatte gehört, dass er jetzt bei der Polizei arbeitete, und ihn deshalb hartnäckig gebeten, seine innerhalb eines Jahres kassierten acht Strafen für falsches Parken zu streichen. Glaubte der Mann ernsthaft, ein Polizist könne Verstöße einfach so unter den Tisch fallen lassen wie ein Klassenlehrer?
Die Unterlagen von Bui Truong brachten für die Ermittlungen im Fall Inferno keinen Nutzen, dachte Ratamo und hob den großen Keramikbecher an die Lippen. Der Kaffee war kalt geworden. In den letzten zwei Stunden hatte er einen Stapel Zusammenfassungen zu Technikthemen, Notizen, Vorlesungspläne und Berichte gelesen und nichts gefunden, was der SUPO weiterhelfen würde. Auch sonst war er in gedrückter Stimmung. Das Begräbnis seiner Oma rückte näher. Und Ketonen hatte von Anna-Kaisa Holm erzählt, als er ihm Truongs Unterlagen übergab.
Schockiert musste Ratamo einsehen, dass die Arbeit eines Ermittlers tatsächlich enorme Risiken mit sich brachte. Anna-Kaisa war jünger als er. Wer alles hätte sie vermisst? War ihm wirklich klar, auf was er sich bei seiner Entscheidung, Polizist zu werden, eingelassen hatte? War es eine Dummheit gewesen, die sichere und gutbezahlte Arbeit eines Virusforschers aufzugeben? Vielleicht hatte er sich zu sehr darauf konzentriert, die äußeren Umstände zu ändern, und sich nicht intensiv genug mit seinem Innenleben beschäftigt?
Schluss damit! Er hatte es satt, diese Dinge immer wieder durchzukauen. Gerade als er sich einen neuen Kaffee holen wollte, trat Wrede durch die offene Tür herein. Der rothaarige und sommersprossige Mann sah wirklich so schottisch aus, dass sich niemand gewundert hätte, wenn er im Kilt aufgekreuzt wäre, dachte Ratamo.
Die beiden unterhielten sich eine Weile über Anna-Kaisa. Beide bekräftigten, dass man den Schuldigen früher oder später fassen werde. Ratamo wunderte sich, warum Wrede nicht über die Einzelheiten des Falls sprechen wollte. Dann wurde ihm klar, dass Wrede das Recht hatte, die Gesprächsthemen auszuwählen. Der Schotte war immerhin Leiter des operativen Bereiches und zweiter Mann in der SUPO. Wrede trug die Verantwortung für die wichtigsten Einheiten der SUPO: Die Sicherheitsabteilung, der es oblag, Aktivitäten zu überwachen und zu unterbinden, die Finnlands innere Sicherheit oder internationale Beziehungen gefährdeten, und die Abteilung für Gegenspionage, deren Aufgabe darin bestand, jede gegen Finnland gerichtete nachrichtendienstliche Tätigkeit und Spionage zu verhindern.
»Hast du schon Mittag gegessen? Ich wollte in das nepalesische Restaurant gehen, mein Magen schreit wie ein ganzer Möwenschwarm«, klagte Wrede. Er war schon angezogen und sah aus wie ein Tiefseetaucher.
»Ein gutes Kalb lebt vom Trinken«, entgegnete Ratamo locker. Er wäre gern mit Wrede zusammen essen gegangen. Der Schotte war der erste Kollege, der versuchte, ihn näher kennenzulernen. Ketonen und Riitta Kuurma kannte er schon von früher. »Ich muss leider um drei zu Hause sein und für meine Tochter etwas zu essen machen. Das sind so die Sorgen eines alleinerziehenden Vaters. Ich wohne ganz in der Nähe. Wenn du willst, kannst du mit zu uns kommen. Aber ich warne dich,verglichen mit meinem Pamps ist selbst ein Leberauflauf aus dem Supermarkt ein Gourmetessen.«
Wrede bedankte sich aufrichtig für die Einladung und sagte, eine Stunde Pause täte ihm gut. Ketonen habe ihm eine solche Menge Arbeit aufgeladen, dass er wahrscheinlich die ganze Nacht in der Ratakatu verbringen und schuften müsste. Er koche leidenschaftlich gern und könnte Ratamo, wenn er wollte, ein leichtes Rezept beibringen. Endlich hatte er einmal Schwein gehabt, jetzt
Weitere Kostenlose Bücher