Flammen der Rache
verließ.
Sobald er verschwunden war, biss Tam von dem Keks ab. »Er ist sehr nervös«, erklärte sie an Lily gewandt und tätschelte ihren Bauch. »Wir haben vorher schon zwei verloren.«
»Das tut mir sehr leid.«
Kauend bedankte Tam sich für ihre Worte mit einem Nicken. »Offen gestanden können wir kaum glauben, dass wir es so weit geschafft haben. Ich hätte mir nie träumen lassen, jemals Kinder zu haben. Ich war nicht der Typ. Dann ist Rachel in mein Leben getreten. Ich hatte einen Organschaden von dem Gift bei dem Vorfall, von dem ich dir erzählt habe, darum habe ich eigene Kinder überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Und es wäre auch okay gewesen. Wir haben Rachel, und sie zählt für drei. Aber voilà, hier ist sie, unsere kleine Überraschung.« Ihr Gesicht wurde ernst. »Wenn alles gut geht.«
»Wie weit bist du?«, erkundigte Lily sich.
»Achtundzwanzigste Woche.« Tam fuhr zusammen und streichelte ihren Bauch. »Autsch. Sie ist heute ganz schön wild. Aber ich mag sie so.«
»Achtundzwanzigste Woche«, wiederholte Lily. »Dann habt ihr es ja fast geschafft.«
»Ja, fast«, stimmte Tam zu. Sie langte nach einem weiteren Plätzchen, konnte den Teller aber wegen ihres Bauchs nicht erreichen. Edie setzte sich auf und gab ihr ein grün glasiertes vierblättriges Kleeblatt.
»Hier«, sagte sie. »Das bringt Glück. Ich dachte, du wolltest kein zweites Plätzchen? Nach eurem ganzen Hin und Her?«
»Wahrscheinlich werde ich noch vier weitere essen. Ich sage aus Prinzip immer Nein zu Val«, vertraute sie den Frauen an. »Wann immer ich ihm nachgebe, wird er unerträglich. Aber so habe ich ihn ganz gut im Griff.« Sie hob ihren Keks, als wollte sie den anderen Frauen zuprosten. »Auf das Glück.« Sie biss ab, dann runzelte sie kauend die Stirn und richtete ihre nächsten Worte an Edie. »Warte mal. Du hast doch diese übernatürliche Gabe. Bist du nicht hellsichtig? Wie kannst du an das Glück glauben, wenn du die Zukunft sehen kannst?«
»Ich glaube sogar ganz fest an das Glück«, antwortete Edie.
»Vielleicht sollte Edie eine Zeichnung für Lily machen«, schlug Liv vor. »Sie könnte ein paar neue Informationsquellen gut gebrauchen, meint ihr nicht?«
Lily wurde nervös. Edies Geschichte – genauer gesagt der Kampf, den sie und Kev gegen diese Bewusstseinskontrollfreaks ausgetragen hatten – war genauso entsetzlich gewesen wie die der anderen, aber den Teil mit der übersinnlichen Gabe fand sie ein bisschen weit hergeholt. Sie war von Natur aus pragmatisch veranlagt.
»Bitte, nimm das nicht persönlich«, sagte sie zu Edie, »aber ich weiß nicht, ob mir das wirklich weiterhelfen würde. Ich glaube nicht an Parapsychologie. Sei nicht böse.«
Edie tätschelte ihr Knie. »Das bin ich nicht.«
»Nein?«
Edie leckte sich Zuckerguss von den Fingern, bevor sie weitersprach.
»Stell es dir einfach mal so vor: Du betrachtest in Gesellschaft von jemandem, der seit Geburt blind ist, einen Sonnenuntergang. Wenn dieser Mensch dann sagen würde: ›Tut mir leid, aber ich glaube nicht an Rosa, Orange, Scharlachrot, Purpur oder Lila‹, würdest du ihm dann böse sein?«
Lily überlegte. »Keine Ahnung. Willst du damit andeuten, dass ich blind bin?«
»Keineswegs. Aber wenn du nicht auf diese Frequenz eingestellt bist, wie könnte man dann von dir erwarten, dass du an ihre Existenz glaubst? Was für mich real ist, bleibt real, ob andere Leute daran glauben oder nicht. Früher war es schrecklich für mich, wenn die Menschen an mir zweifelten, aber heute nicht mehr.«
»Das liegt nur daran, dass du inzwischen regelmäßig flachgelegt wirst«, behauptete Tam weise. »Das ändert die Einstellung in Bezug auf viele Dinge.«
Edie prustete so heftig los, dass Kekskrümel aus ihrem Mund flogen.
Während Lily die lachenden Frauen beobachtete, dachte sie an den Sonnenuntergang. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es sein würde, ihn nie gesehen zu haben. Sie überlegte, wie diese Ereignisse sie womöglich verändern würden und ob auch die Liebe die Kraft hätte, sie zu verändern. Wie würde es sich wohl anfühlen, wenn diese Gefühle voll erblühten? Was wäre sie dann imstande zu sehen, zu hören oder zu glauben?
Lily wollte nicht so angriffslustig, so misstrauisch und zynisch sein. Sie würde niemals aus diesem Nebel herausfinden, solange sie darauf bestand, das Licht zu ignorieren. Sveti beobachtete sie mit wissendem Blick. Ein Lächeln breitete sich über das Gesicht des jungen Mädchens aus,
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