Gefaehrten der Finsternis
Lucidious durch irgendeinen schrecklichen Zufall umkommen, dann würde Tyke zum Regenten ernannt und der würde sich wieder auf die Seite der Ewigen schlagen.Wir allerdings benötigen die Unterstützung der Sterblichen und deshalb sollte dieser Fall nach Möglichkeit nicht eintreffen. Daher habe ich mich mit Lucidious darauf verständigt, dass sein lästiger Bruder bei der nächstbesten Schlacht mehr oder weniger zufällig sein Leben lassen sollte. Ich wusste schon, dass er wohl versuchen würde zu desertieren, um die Ewigen zu warnen … Wer hätte das an seiner Stelle nicht getan? Aber ich war mir sicher, dass ihm das
dank unserer großen Wachsamkeit niemals gelingen würde. Und nun kommst du daher, du Holzkopf, und lässt ihn einfach so laufen, nur weil er dir leidgetan hat und du ihn eigentlich ganz nett fandest. Tyke flüchtet jetzt zu den Ewigen - und was sollen wir tun?«
Scrubb grinste. »Da mach dir keine Sorgen; das ist nicht so schlimm, wie du es hinstellst. Er ist doch erst gestern - praktisch vor meinen Augen - geflohen. Nehmen wir mal an, dass er im Schutz der Dunkelheit davongelaufen ist.Weit kann er trotzdem nicht gekommen sein, denn er muss sehr vorsichtig sein. Und da sich unser Lager mit all den Leuten, die wir zusammengezogen haben, über mehrere Meilen erstreckt, muss er sich bei Tagesanbruch irgendwo verkrochen haben und nun in einem Versteck auf die Dunkelheit warten, ehe er sich wieder auf den Weg machen kann. Also muss er noch ganz in der Nähe sein. Wenn ich jetzt ein paar Mörderdämonen losschicke, werden die ihn bis morgen früh sicher einfangen. Und ein weiteres Mal werde ich ihn nicht mehr entwischen lassen.«
»Das will ich hoffen.« Gylions Augen funkelten zornig. »Und sobald ich ihn zwischen den Fingern habe, werde ich das Problem endgültig lösen. Er ist ein Deserteur und auf Fahnenflucht steht eine schwere Strafe. Ich lasse ihn hinrichten und damit ist die Sache beendet.«
Scrubb schien nicht ganz seiner Meinung zu sein. »Irgendwie wäre es allerdings schade um ihn. Und ich sehe da auch ein Risiko... Das ist ein gut aussehender schlauer Junge und sein Volk wird ihn vermutlich mehr verehren als Lucidious. Seien wir doch mal ehrlich:Wir wissen beide, dass Lucidious bei seinem eigenen Volk überhaupt nicht beliebt ist. Und wenn nun bekannt wird, dass der junge Tyke zum Tode verurteilt wurde? Es wäre nur zu offensichtlich, dass Lucidious versucht, sich so seines Bruders zu entledigen, meinst du nicht auch? Er hat schon den anderen auf zweifelhafte Weise aus dem Weg geräumt. Wenn jetzt auch noch
der jüngere hingerichtet wird, kannst du zumindest mit einem Aufstand der Sterblichen rechnen. Doch wir brauchen ihre Unterstützung, das hast du eben selbst gesagt. Also, dann machen wir es doch einfach so: Wir fangen unseren kleinen Prinzen ein und heben ihn uns für die nächste Schlacht auf. Da wird er sich dann überraschend an vorderster Front und mit einem schartigen Schwert in der Hand wiederfinden, und vielleicht kommt es dann zu einem tragischen Unglück, weil ihn ein mysteriöser vermummter Feind von hinten attackiert … Ah, ich sehe, du hast mich verstanden. Ein ruhmreicher Heldentod - und schon werden die Tränen in Strömen fließen. Dann wird Lucidious eine Rede zu Ehren des gefallenen Bruders halten und seinem Volk die üblichen Phrasen auftischen, die es hören will. Und wenn er dann vielleicht sogar mittendrin in Tränen ausbricht und sich schluchzend abwendet, kommt dein Auftritt: Du wirst in einer flammenden Rede das Volk daran erinnern, dass nur die Ewigen für all dieses Leid verantwortlich sind, und Rache für den ermordeten Prinzen fordern. Das Volk wird rasen, nach Vergeltung schreien und schwören, in der nächsten Schlacht den Ewigen die Eingeweide herauszureißen. Damit wären alle Probleme auf einen Schlag und auf das Beste gelöst.«
Scrubb schaute zu Gylion hinüber. Sein Freund war wie ausgewechselt. Er war nicht mehr zornig wie eben, sondern wirkte richtiggehend euphorisch. Ein triumphierendes Lächeln überzog sein spitzes Gesicht. Ein beunruhigendes Lächeln.
»Scrubb«, sagte Gylion mit vor Erregung zitternder Stimme, »du bist ganz bestimmt ein unbesonnener Holzkopf, das kann ich nicht oft genug sagen. Aber wenn du dich mal wirklich anstrengst, dann, das gebe ich gerne zu, bist du ein Genie. Kein so großes wie ich, aber immerhin ein Genie.«
Ein ironisches Zucken kräuselte Scrubbs Lippen. »Ich bemühe mich ja auch, dir nachzueifern. Wenn ich
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