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Gesammelte Gedichte: 1954 - 2006

Gesammelte Gedichte: 1954 - 2006

Titel: Gesammelte Gedichte: 1954 - 2006 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Robert Gernhardt
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Toskana
    fringuellifreihalten.
    Sieh dir doch an, was allein deren Fahrzeuge kosten,
    vierradgetrieben, addiere die Knarren, Klamotten -
    ein ganzes Heer, gerüstet wie für die Feldschlacht,
    bekämpft den fringuello.
    Heil'ger Franziskus! Bedenke: Ein jeder der Jäger
    darf laut Gesetz bis zu zehn dieser Vögel erlegen.
    Macht – fast hätt ich gesagt nach Adamo Gigante -
    rund fünfhunderttausend fringuelli.
    Alles im grünen Bereich, meint Tito Barbini,
    zuständig für die Landwirtschaft der Toskana,
    für die Jagd, den Schutz der Umwelt und damit natürlich
    auch für den fringuello.
    Schutzpatron Franz! Mal ehrlich: Was gibt's da zu schützen?
    Anders gefragt: Könntest du nicht den Tito Barbini
    und seine Jäger so schützen wie diese die Umwelt
    mitsamt den fringuelli?
    Nein, nicht gleich abknalln. Gib ihnen eine Chance.
    Nimm ihnen etwas Gesundheit, was zugleich Zeit meint.
    Fühln sie sich schlecht in den Wartezimmern, so kommt das
    doch dem fringuello zugute.
    Nimm mich als Beispiel: Der Befund, die Klinik, der Schnitt.
    Bettruhe, mühsame Rückgewinnung des Gehens.
    Wenn jeder Schritt schmerzt – wie erst der Rückstoß der Knarre!
    Freu dich, fringuello!
    Sieh wie es jetzt läuft: Dienstag zur Blutabnahme,
    Mittwoch zur Chemo. Das meint ganze Stunden am Tropf.
    Schlappheit danach und Ekel und manchmal auch Durchfall -
    da schmeckt kein fringuello.
    Geht auch ins Geld, das Kranksein. Addio Gewehre!
    Addio Kampfwagen, Jagdhunde, Tarnkleidung, Fernglas!
    Ist erst das Land von den Jägern gesäubert, dann heißt das:
    Salve fringuello!
    San Francesco! Das Ganze war nur ein Vorschlag.
    Du bist der Heilige. Aber bedenke bitte:
    Manchmal da heiligt der Zweck auch die Mittel, und schließlich
    ist der fringuello Bruder Buchfink!
    Schöne Aussichten am Morgen
des vierten Oktober
    Nun weiß ich wieder, was ich hab.
    Nun fühl ich wieder, was ich will.
    Wer das da sieht, der macht nicht schlapp.
    Wen das erwartet, hält nicht still.
    Der schreit vielmehr:
    Nein, ich flieg jetzt nicht aus der Kurve!
    (Wo es doch heute Mittag geradewegs in die »Costa Chiara« geht.)
    Nein, ich schau mir die Radieschen nicht von unten an!
    (Wo ich doch schon bald von oben auf die Antipasti blicke.)
    Nein, ich beiß nicht ins Gras!
    (Wo doch eine Bistecca Fiorentina als Hauptgang wartet.)
    Nein, ich geb meinen Löffel nicht ab!
    (Wo ich den doch noch für das Dolce brauche.)
    Ja, ich laß den lieben Gott einen guten Mann sein!
    (Wo der doch früher oder später die Rechnung präsentieren wird.)
    8. Oktober. Toscana Terapia
zum Fünften
    Heut alles still. Die japanische Dame
    liest. Die italienische Greisin
    seufzt. Das Fernsehn – miracolo! -
    schweigt. Die beiden Neuankömmlinge
    flüstern verstohlen. Die einzige Ausnahme
    bildet ein Taubenschwänzchen. Sirrend
    fliegt es gegen das Fenster, das ich
    öffne. Ciao Taubenschwänzchen,
    such das Weite. Ein besseres Leben
    findest du leicht. Bist ja keiner von uns,
    bist ein sirrendes, flirrendes, schwirrendes,
    bleib ein Taubenschwänzchen!
    (Schwester Aurora, ungläubig:
    »Tou-bän-schwänz-gen!
    Che parola grossa per un insetto cosi piccolo!«)
    7. November. Toscana Terapia
zum Sechsten und Letzten
    Wenn einer eine Chemo macht,
    dann kann er was erzählen
    und seine Umwelt Tag und Nacht
    mit Selbsterlittnem quälen:
    Also bei so einer Chemo vergeht einem ja leicht der Appetit, und da habe ich anfangs den Fehler gemacht, mir während der allerersten Chemo in der Klinik ein Frühstück aufschwatzen zu lassen, ein pappiges Käsebrötchen und eine große Tasse Muckefuck, mit dem Erfolg, daß mir unheimlich schlecht wurde und ich wochenlang noch beim bloßen Gedanken an pappige Brötchen das Würgen bekam, während der Geruch von simplem Kaffee genügte, um mich…
    Wer sich der Chemo unterzieht,
    der hat was zu berichten,
    mit Haut und Haar, in Vers und Lied
    und endlosen Geschichten:
    Also wenn man die Chemo, so wie ich zu Beginn, in Deutschland macht, ambulant, da liegt man, so war das jedenfalls bei mir, zu viert in einem ziemlich großen Raum angezogen auf dem Bett, während die Infusionen laufen, jeweils zwei Betten einander gegenüber, so daß man mindestens zwei Mitpatienten ins Gesicht schaut und dementsprechend viel von ihnen mitkriegt. In Italien dagegen läuft das anonymer, da sitzt man in Sesseln, in einem etwas kleineren Raum, acht Stück neben- und hintereinander angeordnet, es ist mehr wie beim Friseur, verstehn Sie, und das hat einen nicht zu unterschätzenden

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