Gorian 1: Das Vermächtnis der Klingen
weitgehend nebelverhangenes Chaos, in dem sich noch lange keine festen Formen und Umrisse abzeichneten.
Den Rest der Nacht kauerte er am Portal des Tempels. Trotz der enormen Erschöpfung aufgrund der Strapazen der letzten Zeit wäre es ihm unmöglich gewesen, auch nur einen einzigen Augenblick Schlaf zu finden. Zu bedrängend waren die Gedanken, die ihn beschäftigten. Bohrende Fragen verlangten nach Antworten. Nun, da sein Überleben zumindest für den Moment gesichert war, meldeten sich all die inneren Stimmen zurück, die zuvor durch die Umstände vorübergehend zum Schweigen gebracht worden waren.
Vor seinem inneren Auge sah er die rudernden Frostkrieger auf ihrem Rückweg in den Norden und die in einem Eisblock eingefassten Klingen seines Vaters. Wie sollte er Morygors Herrschaft je beenden, wenn ihm nicht einmal mehr jene Waffen zur Verfügung standen, die dazu geschaffen worden waren, diese Aufgabe zu erfüllen? Wie sollte er dem Vermächtnis gerecht werden, das ihm zuteilgeworden war, ohne dass er sich danach gedrängt oder es sich ausgesucht hatte? Ein Vermächtnis, das aus einer besonderen Begabung und dem schicksalhaften Zeitpunkt seiner Geburt bestand – und zwei besonderen Schwertern, die sich nun in der Hand seines ärgsten Feindes befanden.
Schließlich dämmerte der Morgen. Eine warme Brise wehte durch die Bäume, und inzwischen gab es fast nirgends noch Eis oder Schnee. Der durch Magie bedingte kurze Winter, der auf völlig widernatürliche Weise dieses Land heimgesucht hatte, schien den für diese Jahreszeit in dieser Gegend normalen Verhältnissen zu weichen. Kein kalter Hauch eines Frostgottes sorgte noch dafür, dass der Boden gefror oder sich ein Panzer aus Eis um die Bäume legte.
Überall tropfte es von den Baumkronen und ebenso vom Dach des Tempels der Alten Götter. Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen durch die vom magischen Zwischenwinter teilweise entlaubten Baumkronen, deren zuvor gefrorene Blätter auf dem aufgeweichten, immer morastiger werdenden Boden lagen.
Gorian machte sich auf den Weg. Er entschied, dass sein nächstes Ziel Segantia war, die große Handelsstadt am Estrigger Ufer. Vielleicht die erste Etappe auf dem Weg zur Ordensburg, vielleicht aber auch einfach nur ein Ort, an dem er sich ausruhen und entscheiden konnte, wie es weitergehen solle. Zurück in Richtung Thisilische Bucht zu gehen, erschien ihm kaum ratsam, schließlich musste er damit rechnen, überall noch auf versprengte Einheiten der Frostkrieger zu stoßen. Selbst wenn sie sich auf dem vorläufigen Rückzug befanden, waren sie gefährlich.
Gorians Füße versanken bis zu den Knöcheln im Morast. Überall zwischen den Bäumen in unmittelbarer Nähe der Lichtung lagen die leblosen, ihrer Existenzkraft beraubten Frostkrieger. Ein bestialischer Gestank verbreitete sich, ein Pesthauch der Verwesung und des Verfalls, der bei den Untoten bisher durch Magie aufgehalten worden war und sich dafür nun umso heftiger bemerkbar machte.
Zwischenzeitlich hatte Gorian das Gefühl, kaum Luft zu bekommen, so drückend hing dieser Leichengestank über dem Land. Es dauerte Stunden, bis sich Gorian so weit entfernt hatte, dass er nicht mehr zu riechen war.
Er traf wieder auf die alte Straße nach Segantia und folgte ihr. Dutzende von Eiskrähen hockten auf den Bäumen zu beiden Seiten der halb von Sträuchern und Moosen überwachsenen Strecke. Sie krächzten durcheinander und schienen sich darüber zu wundern, welch fremder Wille sie in dieses Land geführt hatte, in dem sie ihrer Natur nach niemals hätten zu Hause sein können. Herrenlos und verwirrt waren sie, aber im Moment kaum eine Bedrohung. Manchmal stoben sie davon, um sich einige Schritt entfernt erneut auf Ästen niederzulassen.
Am frühen Abend musste Gorian einer Gruppe von Frostkriegern ausweichen und schlug sich in die Büsche, um sich zu verbergen. Die Frostkrieger marschierten schweigend dahin und wirkten keineswegs so entkräftet wie jene, die den Geschehnissen beim Tempel der Alten Götter beigewohnt hatten.
Sie bemerkten Gorian nicht. Aber nach dieser Begegnung hielt dieser sich etwas abseits der alten Straße und schlug sich querfeldein durch die Büsche. Ihm kam der Gedanke, dass er die Lage vielleicht falsch eingeschätzt und Frogyrr die Eroberung Thisiliens durch die Frostkrieger viel weiter vorangetrieben hatte, als er es bisher geahnt hatte. Er konnte ja nicht wissen, wie viele und wo überall Schiffe der orxanischen Untoten angelandet
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