Größenwahn
Papierchen) viel zu viel filzige Geschäftsklugheit besaß. Seine besondere Spezialität bestand in Cigarrenbehältern und Aschbechern, auf deren Grund rothgedruckt stand: ›Gutmann, Pessimistische Novellen‹, eine funkelnagelneue Art von Reclame, um deren Patentrecht ihn Barnum behufs Importirung nach Amerika ersucht haben soll. Daß er natürlich seinen Abscheu vor aller Reklame und vorlautem Vordrängen bei jeder Gelegenheit kundgab, wußte Jeder zu würdigen. Uebrigens war er ein sogenannter guter Kerl und flößte den Eindruck einer gewissen Bonhommie ein. Freilich durfte man nicht tiefer auf den Grund gehen; dann kam ein gehöriger Berechner heraus. Auch fehlte es ihm nicht an bedeutendem Giftvorrath, den er ohne Namensnennung (da er natürlich nie den gemeint hatte, der sich getroffen fühlte) mit vieler Gewandheit zu verspritzen wußte. Wenn er sich übrigens über die Welt beklagte, so hatte er in gewissem Sinne nicht Unrecht. Denn theils in Folge des üblichen Neides auf seine günstigen äußeren Verhältnisse, theils aus Erbitterung Jener, die ihn erst später in seiner Eigenart kennen lernten, verschwor man sich allerorts, ihn für einen stümpernden Dilettanten auszuschreien. Gab doch seine komische Eitelkeit erwünschten Anlaß, sich über ihn lustig zu machen! Lobte ihn eine Zeitung, so mußte dies durchaus auf irgendwelche Bestechung hinauslaufen! Der immer gerechte Leonhart hatte jedoch dies niemals zugegeben, sondern stets Esprit, Wissen, Form- und Stilbegabung, ja sogar wirklichen Gedankengehalt an ihm gerühmt, obschon er Gutmann selbst die offenherzigsten Grobheiten an den Kopf warf und ihm zu Gemüthe führte, daß ihm alle und jede Ursprünglichkeit fehle. Die Andern aber nahmen seine Einladungen an, tranken sein Bier, rauchten seine echten Havanas und erklärten ihn einstimmig für die eingebildetste Null des Jahrhunderts. So geht's in der Welt. Wenn der arme Gutmann sich für einen verkannten großen Dichter hielt, so verdiente das nur ein Lächeln. Wenn er sich aber für ebensogut und sogar für besser hielt, als viele großspurige Rhodomonteure, die auf ihn herabsahen, so vertrat er zweifellos die objective Wahrheit. Selbst sein Charakter gewann bei einem solchen Vergleich, so viel von einem hausirenden Bandjuden in litterarischen Geschäftchen ihm anklebte. Denn eine gewisse vertrauensselige Kindlichkeit und naive Schläue verliehen ihm etwas Gewinnendes, obschon sein Auge tückisch und böse genug aufblitzen konnte, wenn seine unmäßige Eitelkeit ins Spiel kam. Uebrigens besaß er eine begeistrungsfähige Anempfindung, die ihn das Schöne wirklich erkennen ließ, da er ein grundgescheuter Kerl und keineswegs vernagelt war. Alles in Allem noch immer einer der Besseren, eine der merkwürdigsten Figuren des literarischen Lebens, dieser Commis-Voyageur in Poesie, der trotz alledem für die Berliner Litteraturjuden noch ein unverständlicher Idealist blieb.
Außerdem waren noch die zwei neuesten Größen, Holbach und Krastinik, und der philosophische Speichellecker Oberst von Dondershausen anwesend. Derselbe strotzte ordentlich von Biedermannshuberei, die ihm das glattrasirte Kinn wie Salbungsöl heruntertroff. Seine Fischaugen glotzen erbaulich wohlwollend in die unphilosophische Welt hinein. Da er nachher im Hohenzollernclub ein kornblumiges Festbardit vortragen mußte, war er im Frack erschienen und hatte sein ungewöhnlich reichhaltiges Ordenskettchen angelegt, das ihn als einen erprobten Streber mit diensteifriger Handkuß-Vergangenheit auswies. Er thronte hier hochtrabend mit als Kunstrichter, da der erlauchte Doktor Ottokar von Feichseler soeben die berüchtigte Anthologie realistischer Lyrik unter seine kritische Sonde nahm. Dieselbe lag, hochelegant im Kaliko gebunden, auf dem Tisch und ihr Herausgeber, der fettgesunde Jüngling Erich von Lämmerschreyer, saß mit andächtigem Gesicht davor, wie ein Bußfertiger auf dem Armesünderbänkchen. Mit der üblichen Gewandtheit, welche die weihepriesterlichen Rotzjungen und Tugendbesinger des Jüngsten Deutschland bei Verfolgung ihrer Privatzwecke entwickeln, hatte sich der begabte Neophyt eilig aus Leonhart's Bannkreis entfernt, nachdem er dessen Einfluß ausgenützt. Mit bescheidener Zerknirschung machte er alsbald dem Hohepriester des akademischen Idealismus, Ottokar dem Würdevollen, einen Ehrenbesuch und empfahl die Anthologie, welche er soeben herausgegeben, dessen unmaßgeblichem Wohlwollen. Aus dem Munde eines so
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