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Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)

Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)

Titel: Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich Böll
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zu – ich habe nie ein Hehl aus
     meinen erotischen Interessen gemacht –, ich hatte doch selbst ein Auge auf Leni geworfen, zwei Augen. Ich bin heute noch,
     das können Sie ihr getrost sagen, heute noch nicht uninteressiert. Wir Frontkämpfer und Gärtner sind ja manchmal rauhe Burschen,
     und damals nannten wir das, was heute so subtil und mit äußerster Raffinesse beschrieben wird, wir nannten das einfach einen
     ›Ringkampf‹ – und ich falle, um Ihnen zu beweisen, wie ehrlich ich bin, in meine damalige Ausdrucks- und Denkweise zurück.
     Mit der Leni hätte ich gern einen ›Ringkampf gemacht‹. Nicht nur als Staatsbürger, nicht nur als Chef, nicht nur als Parteimitglied,
     auch als Mann habe ich Opfer gebracht. Ich habe zwar grundsätzlich |258| Bedenken gehabt gegen Liebschaften, Liebeleien, Ringkämpfe meinetwegen, wenn Sie wollen – zwischen Chef und Arbeiterinnen,
     aber wenn es über mich kam, habe ich diese Bedenken über Bord geworfen und mich spontan verhalten und bin, nun, ich bin rangegangen
     und hab hin und wieder – so nennen wir das auch – eine aufs Kreuz gelegt. Ein paarmal habe ich Ärger mit den Mädels gehabt,
     kleinen, großen, besonders großen, mit der Adele Kreten, die mich liebte, ein Kind von mir bekam und mich unbedingt heiraten
     wollte, sie wollte, ich sollte mich scheiden lassen und so weiter, aber ich bin nun mal ein erklärter Gegner der Ehescheidung,
     halte das für eine falsche Lösung komplizierter Probleme, und ich habe der Adele einen Blumenladen in der Hohenzollernallee
     eingerichtet, habe gut für das Kind gesorgt, der Albert ist heute schon lange ein gut bestallter Realschullehrer und Adele
     eine vernünftige, sehr gut situierte Frau. Aus der schwärmerischen Adele – sie war so eine weltanschauliche Gärtnerin, wie
     wir Fachleute das nennen, schwärmte für Natur und so – ist ne redliche, tapfere, kluge Geschäftsfrau geworden. Und wegen der
     Geschichte mit Boris und Leni habe ich von Anfang 44 an genug Blut geschwitzt vor Angst, und bitte, suchen Sie jemand, irgend
     jemand, der Ihnen gegenüber begründet behaupten könnte, ich sei ein Unmensch gewesen.«
     
    Tatsächlich hat keiner der Betroffenen von Pelzer überzeugt behaupten können, er sei ein Unmensch gewesen. Es muß hier nur
     festgestellt und festgehalten werden, daß Pelzer mit seinem Angst- und Blutschweiß nicht ökonomisch umgegangen ist. Er schwitzte
     sechs Monate zu früh, und es ist dem Leser überlassen, ihm darauf Kredit zu geben. Pelzers verglastes Büro (das noch zu besichtigen
     ist und von Grundtsch heute als Expedition benutzt wird, wo er die abholbereiten Blumentöpfe und Weihnachtsgrabtannenbäume |259| bereitstellt) lag im Zentrum seines Gesamtbetriebes: drei Treibhäuser stießen, nimmt man eine exakt zurechtgerückte und topographische
     Lage an, von Osten, Norden, Süden in ihrer gesamten Breite auf dieses verglaste Büro, wo Pelzer die in den Treibhäusern gezüchteten
     Blumen genauestens registrierte (später von Boris registrieren ließ), bevor er sie zum Teil an die Garnierungstische gab,
     andere an Grundtsch, der allein das damals noch spärliche Grabpflegeabonnementgeschäft betrieb, zum Teil in den mehr oder
     weniger freien Blumenhandel. An der Westseite des Büros lag – so breit wie die drei Treibhäuser – die Kranzbinderei, die direkte
     Zugänge zu zweien der drei Treibhäuser hatte, und natürlich konnte Pelzer jede Bewegung genau verfolgen. Was er tatsächlich
     gesehen haben kann, ist, daß Leni und Boris hin und wieder kurz hintereinander entweder zur Toilette gingen, die nicht nach
     Geschlechtern getrennt war, oder um Materialien aus einem der beiden Treibhäuser zu holen. Die Luftschutzverhältnisse im Pelzerschen
     Betrieb waren nach wiederholten Feststellungen des zuständigen Luftschutzwarts von den Driesch »kriminell«, der nächste zu
     erreichende, den Vorschriften notdürftig entsprechende Luftschutzraum war etwa zweihundertfünfzig Meter entfernt im Gebäude
     der städtischen Friedhofsverwaltung, und – wiederum den Vorschriften entsprechend – durfte dieser Luftschutzraum weder von
     Juden noch von Sowjetmenschen oder Polen benutzt werden. Wer auf die Einhaltung dieser Vorschrift besonders energisch bestand,
     waren – wie man sich denken kann – Kremp – Wanft – Schelf; wohin also mit einem Sowjetmenschen, wenn englische oder amerikanische
     Bomben fallen, die zwar nicht ihm gelten, ihn aber treffen können? Das

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