Hahn, Nikola
Bis morgen,
Heusohn.«
»Ich
bin um punkt sieben in Ihrem Büro, Herr Kommissar.«
Nach
seiner Rückkehr ins Präsidium ließ Richard das Seil in die Asservatenkammer
bringen. Auf seinem Schreibtisch lag das Verhör von Victoria. Nach der Lektüre
war er erleichtert. Ein ausreichendes Alibi für Hopf war ihre Aussage nicht. Er
schickte einen Boten mit dem Dokument zum Ermittlungsrichter und ging zu
Liebens Büro; es war leer. Er schrieb ein paar Zeilen und steckte sie in ein
Kuvert, das er sorgfältig verschloß und an Laura Rothe adressierte.
Er war
im Begriff, zum Gericht zu gehen, als ein Polizeidiener Anton Schick
hereinführte. Der alte Diener sah verlegen aus. »Ich habe gehört, daß Sie Herrn
Hopf verhaftet haben, Herr Kommissar.«
»Ja,
und?«
»Den
Schlüssel«, sagte Schick leise. »Darf ich ihn noch einmal ansehen?«
Es war
längst dunkel, als Richard im Rapunzelgäßchen schellte. Helena öffnete. »Heiner
ist in der Küche«, sagte sie und nahm ihm Mantel und Hut ab. »Sie finden den
Weg allein, oder?«
Heiner
saß mit Laura Rothe am Tisch. Vor ihnen standen zwei Gläser Apfelwein. Richard
stellte seine Aktenmappe ab. »Haben Sie in der Sache etwas erreichen können?«
wandte er sich an Laura. Er sah ihren unsicheren Blick und lächelte. »Braun
kann es ruhig wissen.«
Laura
räusperte sich. »Käthe Heusohn hat Syphilis.«
»Bitte
- was?« fragte Heiner fassungslos.
»Sie
schien es geahnt zu haben und weigerte sich aus Scham, einen Arzt aufzusuchen«,
sagte Laura. »Den Symptomen nach zu urteilen, ist die Krankheit bereits
fortgeschritten. Die Untersuchung der Kinder, einschließlich Paul, verlief zum
Glück negativ. Was wohl vor allem auf Frau Heusohns Umsicht zurückzuführen
ist.«
»Die
Nichtanfaßkrankheit«, sagte Richard. »So hat sie es den Kindern erklärt. Ob
Fritz Wennecke sie angesteckt hat?«
Heiner
sah ihn verwirrt an. »Wie kommen Sie auf Wennecke?«
Richard
berichtete, was er von Martin Heynel und Paul Heusohn erfahren hatte. »Lieber
Gott«, sagte Heiner. »Und ich habe nicht das geringste geahnt.«
»Niemand
ahnte etwas«, sagte Laura. »Und sie hat mich inständig darum gebeten, daß es
so bleibt.« Sie sah Richard an. »Glauben Sie, daß Wennecke der einzige war, mit
dem sie...?«
»Was
denken Sie von ihr!« sagte Heiner empört. Er stand auf und sah aus dem Fenster.
»Bitte,
Herr Braun. Sie wissen doch, warum ich das fragen muß.«
»Eine
Meldung im Präsidium halte ich nicht für erforderlich«, sagte Richard.
Laura
nickte. »Eine Nachbarin wird sich vorerst um die beiden kleinen Kinder kümmern
und dafür sorgen, daß die Große pünktlich in die Schule geht. Außerdem habe ich
über den Hauspflegeverein eine Pflegerin einbestellt. Ich hoffe, das nimmt Paul
ein paar Sorgen ab. Der Junge hat offenbar seit Tagen kein Auge zugemacht.«
Heiner
kam zum Tisch zurück. »Entschuldigen Sie meine heftige Reaktion, aber Käthe...
Nun, ich kannte sie schon, als sie ein Kind war. Wie schlimm steht es um sie?«
Laura
zuckte die Schultern. »Der Arzt will es mit Quecksilbersalbe versuchen. Ich
habe meine Zweifel, ob es viel hilft. Frau Heusohn sagt, daß sie schon mehrere
Anfälle gehabt hat, und daß der letzte ein halbes Jahr zurückliegt. Dazwischen
habe sie sich völlig beschwerdefrei gefühlt. Allerdings hatte sie in den
vergangenen Jahren drei Totgeburten, die letzte zwei Monate nach dem Tod ihres
Mannes. Ich vermute, eine Folge der Krankheit. Meinen Vorschlag, ins
Krankenhaus zu gehen, hat sie abgelehnt. Wegen der Kinder.«
Helena
kam herein. »Guten Abend, Herr Kommissar! Das ist aber schön, daß Sie uns wieder
einmal besuchen.«
Richard
drückte verwirrt die dargebotene Hand. Laura nahm Helena beim Arm und flüsterte
ihr etwas ins Ohr. Lachend gingen sie hinaus.
»Möchten
Sie einen Kaffee?« fragte Heiner. »Oder einen Apfelwein?«
»Kaffee«,
sagte Richard. Er fuhr sich übers Gesicht. »Ich habe mit dem Jungen gearbeitet
und nichts gemerkt, Braun. Es ist deprimierend, in welchen Verhältnissen er mit
seiner Familie lebt.«
»Ja.
Aber Käthe war immer schon zu stolz, sich helfen zu lassen.« Heiner stellte
Richard eine Tasse hin. »Die Irritation wegen Wennecke und Heynes Schwester
läßt sich ohne Aufwand klären. Morgen rede ich mal mit ihr. Ich kenne sie
recht gut.«
»Wohnt
irgendwo in dieser Stadt ein Mensch, den Sie nicht recht gut kennen, Braun?«
Er
lächelte. »Nun, die eine oder andere Hundertschaft wird es schon sein. Was gibt
es Neues im Fall
Weitere Kostenlose Bücher