Havanna für zwei
Ist das der Platz, auf dem Fidel früher zum Volk gesprochen hat?«
»Ich habe ihn hier oft gesehen.«
Felipe musterte unbemerkt Emmas hübsches Gesicht, während sie sich den Platz ansah. Er liebte blaue Augen. Sie waren in seinem Land so ungewöhnlich. Emma trug ein schlichtes rosa T-Shirt und einen weißen Rock, ihre dunklen Haare wurden von ihrer Sonnenbrille zurückgehalten, und in dem Moment sehnte er sich danach, sie zu küssen.
»Ich hoffe, ich habe Sie nicht schockiert«, meinte sie plötzlich. »Mit dem, was ich über Paul gesagt habe.« Sie senkte den Kopf und setzte ihre Sonnenbrille auf, um ihre Augen vor der grellen Sonne zu schützen.
»Meine Frau ist mir davongelaufen – mit einem anderen. Ihr Mann hat Sie für sich selbst verlassen. Niemand weiß, was in dem anderen vorgeht.«
Er hatte perfekt beschrieben, was sie fühlte und nie hatte in Worte fassen können. Am liebsten hätte sie ihn an Ort und Stelle umarmt. Aber sie tat es nicht.
»Danke, Felipe.«
Er lächelte. Es war ihm gelungen, eine Verbindung zu der schönen Irin herzustellen. »Kommen Sie, ich bringe Sie in ein Restaurant, in dem man sehr gut zu Mittag essen kann.«
Emma sprang in den Wagen und ließ sich den Wind durch die Haare wehen, während sie über La Rampa fuhren. Die Straßen in Vedado waren in einem perfekten Rechteckschema angelegt und erstreckten sich bis zum Malecón. In der Ferne sah Emma ein riesiges Gebäude, das sie von Bildern wiedererkannte, die sie von Havanna gesehen hatte.
»Fahren wir etwa dorthin?«
»Ja«, lächelte Felipe.
Emma fühlte sich frei wie nie zuvor – regelrecht befreit, nachdem sie Felipe die Sache mit Paul anvertraut hatte und er ihr die traurige Geschichte über seine Frau erzählt hatte. In gewisser Weise waren sie Leidensgenossen.
Als sie die von Palmen gesäumte Straße entlangfuhren, die zum Hotel Nacional führte, konnte Emma sich ein Lächeln nicht verkneifen. Sie kam sich vor wie eine Figur aus einem ihrer Romane. Könnte Felipe ihr geschickt worden sein, um sie beim Schreiben zu inspirieren und sie dazu zu bringen, wieder aufzuleben? Sie war in Hochstimmung, als er ihr galant die Tür des Buick öffnete.
Felipe griff nach ihrer Hand und half ihr aus dem Wagen.
»Danke«, sagte sie errötend. »Das war die schönste Autofahrt, die ich je hatte.«
»Hier wird es Ihnen gefallen.«
Das Fünf-Sterne-Hotel strahlte Reichtum und Luxus aus. Ein Arkadengang im klassischen Art-déco-Stil dominierte das Foyer. Seit der Ära von Frank Sinatra und Batista hatte sich das Gebäude nur wenig verändert.
»Kommen Sie und sehen Sie sich den Ausblick an«, forderte Felipe Emma auf, fasste sie sanft am Arm und lotste sie zum Garten, wo sich die Hotelgäste in den Korbsesseln entspannten und auf den ausgedehnten Malecón und den Atlantik blickten. »Was möchten Sie trinken?«
»Ich hätte gern etwas Kaltes. Eine Cola, bitte.«
Felipe ging zu dem Barkeeper, der im Schatten der mit Stroh gedeckten Überdachung stand. Derweil machte es sich Emma in einem der bequemen Sessel gemütlich und sah zu, wie das Meer gegen die Mauern des Malecón krachte. Plötzlich klingelte ihr Handy. Sie hatte schon darauf gewartet.
»Sophie«, seufzte sie. »Ich habe schlechte Nachrichten von zu Hause.«
»Ich weiß. Ich habe gerade deine Nachricht gelesen.«
»Tja, wir können nichts tun, sagt Donal. Dad geht es gut, aber sie haben ihn im Krankenhaus behalten.«
»Typisch. Wenn du mal wegfährst, gibt es immer irgendein Drama mit Mum.«
Emma verstand nicht, was ihre Schwester damit sagen wollte. »Was meinst du damit?«
»Ich wette, es wird ein Riesenwirbel um Mum gemacht. Dabei ist Dad überfallen worden.«
Emma wusste, dass sie recht hatte. Sie wünschte, sie wäre dort, um die Spannungen zu entschärfen, die ganz sicher zwischen Louise und ihrer Mum entstanden.
»Wo bist du?«
»Im Hotelzimmer.«
»Allein?«
»Ich habe Greg unten gelassen. Ich bin nur raufgekommen, um mich umzuziehen. Wir gehen zum Mittagessen ins El Patio. Greg hat mich gebeten, dich auch einzuladen, aber wir verstehen uns wirklich gut, deshalb hältst du dich von dem Restaurant fern, klar?«
»Unbedingt. Lass dir von mir nicht den Spaß verderben!«
»Ich weiß nicht, wann wir uns sehen.«
»Sorge nur dafür, dass du morgen gegen zwölf in unserem Hotel bist. Ich will unseren Flug nicht verpassen!«
Sophie schnalzte abfällig mit der Zunge. »Nun mach mal halblang. Ich rufe Dad später an. Ich wünschte, er würde das
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