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Herr der Welt

Herr der Welt

Titel: Herr der Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jules Verne
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genügen, den oberen Rand des Bergstocks zu er-
    reichen. Vielleicht bot der Weg freilich unvorhergesehene
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    Schwierigkeiten, wenn wir etwa auf Abgründe stießen oder
    auf gefährlichen und beschwerlichen Pfaden große Umwege
    machen mußten. Das war uns bekannt und bildete sozusa-
    gen die Kehrseite unseres Unternehmens. Die Führer hatten
    uns, wie erwähnt, darüber im voraus nicht aufklären kön-
    nen. Mich beunruhigte vor allem, daß man hierzulande den
    oberen Felsenkranz des Great Eyrie allgemein für unüber-
    steigbar ansah. Bestimmt erwiesen war das freilich noch
    nicht, und wir konnten vorläufig annehmen, daß durch den
    kürzlich erfolgten Absturz eines Felsblocks eine Öffnung in
    dem Gesteinskranz entstanden sei.
    »Wie dem auch sei«, sagte Mr. Smith zu mir, nachdem er
    die erste Pfeife von den zwanzigen, die er tagsüber rauchte,
    angezündet hatte, »wir wollen frisch aufs Ziel losgehen. Was
    die Frage betrifft, ob die Besteigung mehr oder weniger Zeit
    beansprucht . . .«
    »Nun«, fragte ich, ihn unterbrechend, »wir sind doch
    nach wie vor entschlossen, was wir vorhaben, bis ans Ende
    auszuführen?«
    »Das versteht sich, Mr. Strock.«
    »Mein Chef hat mich beauftragt, diesem verteufelten
    Great Eyrie seine Geheimnisse auf jeden Fall zu entrei-
    ßen.«
    »Und wir entreißen sie ihm, er mag wollen oder nicht«,
    erwiderte Mr. Smith, der den Himmel zum Zeugen sei-
    nes Versprechens anrief. »Er muß sie enthüllen, wären wir
    selbst genötigt, deshalb bis ins tiefste Innere des Berges hi-
    nabzudringen.«
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    »Da sich unser Ausflug aber über den heutigen Tag hin-
    aus verlängern könnte«, fügte ich hinzu, »erscheint es wohl
    ratsam, uns mit Nahrungsmitteln zu versehen.«
    »Keine Sorge, Mr. Strock! Die Führer haben Proviant
    für 2 Tage in ihren Rucksäcken, und wir selbst ziehen doch
    auch nicht mit leeren Taschen aus. Hab’ ich auch meinen
    braven Nisko in der Farm zurückgelassen, so hab’ ich doch
    die Flinte mitgenommen. In den Talschluchten der Aus-
    läufer und in den bewaldeten Lagen des Berges kann es an
    Wild nicht fehlen. Dann wird ein Feuerchen gemacht, die
    Jagdbeute zuzubereiten, wenn wir da oben nicht schon ein
    loderndes Feuer vorfinden.«
    »Ein loderndes Feuer, Mr. Smith?«
    »Ja, warum denn nicht, Mr. Strock? . . . Denken Sie doch
    an die Flammen, die prächtigen Flammen, die unseren Bau-
    ern einen so tödlichen Schreck eingejagt haben. Weiß denn
    jemand, ob deren Herd schon völlig erkaltet ist oder ob un-
    ter der Asche das Feuer noch weiterglimmt? Gibt es hier
    im Innern einen Krater, dann haben wir’s auch mit einem
    Vulkan zu tun, und ein Vulkan ist niemals so gänzlich erlo-
    schen, daß man nicht irgendwo noch ein Fünkchen fände.
    Offen gestanden, das wäre mir ein jämmerlicher Vulkan,
    der nicht mehr genug Feuer bewahrte, ein Ei zu kochen und
    eine Kartoffel zu rösten. Doch . . . das wird sich ja bald zei-
    gen!«
    Ich gestehe offen ein, daß ich mir in dieser Beziehung
    noch gar keine Ansicht gebildet hatte. Mein Befehl lautete
    dahin, zu erkunden, was der Great Eyrie eigentlich sei . . .
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    wenn das ohne augenscheinliche Gefahr möglich wäre.
    Nun, das sollte geschehen, und die Leute wüßten dann, wo-
    ran sie wären. Im Grunde aber wünschte ich – ist das bei
    einem Mann, der vom Dämon der Neugierde besessen ist,
    nicht ganz natürlich? – ja würde es mich glücklich machen
    und mir durch den Widerhall, den meine Mission fände, zur
    größten Befriedigung dienen, daß und wenn dieser Great
    Eyrie der Mittel- und Ausgangspunkt von Erscheinungen
    wäre, mir deren Ursache zu entdecken gelänge.
    Unsere Besteigung sollte nun in folgender Weise vor sich
    gehen: als Vortrab die beiden Führer, denen es oblag, gang-
    bare Wege zu wählen; hinter beiden Elias Smith und ich,
    einer neben dem andern oder einer hinter dem andern hin-
    trabend, je nachdem es die Breite der Pfade zuließ.
    Zuerst drangen jetzt Harry Horn und James Bruck in
    eine breite und nur sanft ansteigende Talschlucht ein. Diese
    wand sich längs steiler Abhänge hin, wo Büsche mit zapfen-
    förmigen Beeren und schwärzlichen Blättern, große Farne
    und wilde Johannisbeersträucher so wirr durcheinanderge-
    mengt standen, daß es unmöglich gewesen wäre, sich einen
    Weg hindurchzubrechen.
    Eine Unmenge Vögel belebten die Waldmassen, darun-
    ter, als die lautesten, Papageien, die unaufhörlich schwatz-
    ten und die Luft mit ihrem scharfen Schrei

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