Highland-Saga 04 - Dolch und Lilie
war wie Balsam für ihre Enttäuschung und Niedergeschlagenheit.
Alexander verschränkte die Arme über seinem gut gefüllten Bauch und streckte die Beine aus. Zufrieden ließ er sich von seiner Müdigkeit überwältigen. Der Hollandais hatte den Platz gut ausgesucht. Das Gelände lag auf dem westlichen Hügelhang und führte sanft geneigt zum Petite Rivière Rouge hinunter. In der Nähe floss ein Bach, der oben in den Bergen entsprang. Sie hatten ihn nur stromaufwärts stauen müssen, damit er einen See bildete. Heute waren er und Munro mit dem Ausheben eines Kanals fertig geworden, der das kostbare Nass bis zum Feld befördern und es bewässern würde. Die Erde war humusreich und verhieß eine gute Maisernte.
Alexander riss den Blick von dem grünenden Feld los und wandte seine Aufmerksamkeit den Gestalten zu, die sich vor dem Feuer abzeichneten. Die Flammen vertrieben die Mücken, die in der Abenddämmerung besonders blutgierig waren. Die Salbe, die Mikwanikwe dagegen zubereitete, reichte nicht aus, um die zarte, süß duftende Haut von Gabriel und Isabelle zu schützen.
Er beobachtete Isabelle, die Wäsche zum Trocknen ans Feuer hängte. Sie hatte sich recht gut eingelebt. Anders, als er befürchtet hatte, scheute sie nicht allzu sehr vor der Arbeit zurück. Er sah den beiden nach, während sie zur Hütte zurückgingen. Gabriel lief hinter Isabelle her und hatte sich den leeren Wäschekorb umgekehrt auf den Kopf gesetzt. Sie bückte sich, um einen Eimer hochzuheben, und bot ihm einen reizvollen Ausblick auf ihr Dekolleté. Alexander fiel auf, dass sie nicht mehr so viele Röcke übereinander trug und ihr Mieder ein wenig gelockert hatte. Lächelnd stellte er sie sich in einem Lederkleid vor, wie es Tsorihia trug … und dann halbnackt, in seinen Armen.
An der Hütte angekommen, setzte Isabelle den Wassereimer auf den Boden, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und blies eine Haarsträhne weg, die ihr ins Gesicht fiel. Als sie sich aufrichtete, begegnete sie dem Blick seiner saphirblauen Augen und wurde purpurrot. Aber sie rückte ihr Korsett, das immer noch schamlos ihr Dekolleté zur Schau stellte, nicht zurecht, sondern band nur lächelnd ihre Schürze ab. Nachdem sie die Hand ins Wasser getaucht und sich den Nacken erfrischt hatte, setzte sie sich zu Alexander auf die Bank.
»Sag mir, wohin verschwindet bloß die Sonne, wenn der Mond aufgeht? Es ist so heiß, dass man meinen möchte, sie versteckt sich hinter ihm, um uns weiter zu drangsalieren!«
Gabriel, der sich wand wie ein Aal, um sich zwischen die beiden zu quetschen, meinte sie aufklären zu müssen.
»Die Sonne schläft, Mama.«
»Da du meine kleine Sonne bist und der Mond aufgeht, finde ich, du solltest es ihr nachtun und schlafen gehen.«
»Abe’ manchmal scheint die Sonne noch, wenn de’ Mond schon am Himmel steht.«
Isabelle kniff ihren Sohn zärtlich in die Nase.
»Ach ja? Mein kleiner Kopernikus … Da es so warm ist, kann ich dir wohl noch ein paar Minuten zugestehen.«
Gabriels Gesicht, das vom Abendlicht golden angestrahlt wurde, verzog sich zu einem komischen Ausdruck, der Alexander zum Lachen brachte. Um sie herum flatterten noch einige Schmetterlinge. Eine Fledermaus auf Beutesuche streifte sie und entlockte Isabelle einen Angstschrei. Der Kleine schüttete sich vor Lachen aus und machte sich sofort auf die Jagd nach dem Tier.
Bald lagen die Hände von Alexander und Isabelle in dem Zwischenraum, der sie trennte, doch sie wagten einander nicht zu berühren. Vom Feld her stieg der Duft nach Muttererde auf. Das Tagesgestirn war versunken, überzog den Himmel über den Baumkronen aber immer noch mit einem überwältigenden Farbenspiel.
»Ich hätte ihn so gern auf dem Arm getragen …«, begann Alexander nach einer Weile mit heiserer Stimme.
Er sah seinen Sohn, der versuchte, die Insekten mit bloßen Händen einzufangen, damit sie sich nichts ins Feuer stürzten.
»Ich wäre gern bei seiner Geburt dabei gewesen… hätte ihn bei seinem ersten Sturz aufgefangen, ihn lachen gehört. Ich hätte …«
»Ich weiß.«
Isabelle sah auf ihrer beider Hände hinunter. Doch dann nahm er seine schroff weg, um durch sein zerzaustes Haar zu streichen. Mit einem Mal hielt er inne.
»Er hat das gleiche Haar wie meine Mutter.«
»Ach ja? Das wusste ich gar nicht.«
»Sie hieß Marion. Habe ich dir das schon einmal gesagt?«
»Du hast mir nie richtig von ihr erzählt.«
»Hmmm …«
»Fehlt sie dir?«
Mit einer
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