Himmel über dem Kilimandscharo
Eifer, lobte seine Geduld, seine liebevolle Art, mit den schwarzen Kindern und auch mit den erwachsenen Schülern umzugehen. Er habe all die Unrast und die schlechten Gewohnheiten früherer Tage abgelegt, sei ein neuer Mensch geworden. Klara kehrte von ihren Besuchen stets mit glücklich leuchtenden Augen zurück und vergaß niemals, Charlotte daran zu erinnern, dass sie ihrem Mann vor Gottes Altar Treue in guten und in schlechten Zeiten gelobt habe.
» Weshalb erzählst du mir das? War ich es vielleicht, die die Treue gebrochen hat?«
» Eine Frau muss verzeihen können, Charlotte. Es war nicht recht von dir, diesen schrecklichen Brief zu schreiben.«
Charlotte hatte Christian schriftlich aufgefordert, einer Scheidung zuzustimmen, und ihre Gründe dafür angeführt. Klara hatte ihr seine Antwort überbracht. Er halte die Ehe, die er vor Gott geschlossen habe, für unauflöslich, niemals sei er freiwillig dazu bereit, sich von seiner Frau zu trennen.
» Ich habe ihm schon viel zu oft verziehen!«
» Bist du selbst niemals ohne Anfechtung gewesen?«
» Was soll diese Frage?«
Es waren schon zwei Briefe von George aus England eingetroffen, doch Charlotte hatte sie ungeöffnet in die Truhe geworfen. Sie wollte sich dieser Lektüre auf keinen Fall hingeben, denn sie kannte ihre tückische Wirkung. War sie einfältig gewesen, als sie sich Georges Zärtlichkeiten widersetzte? Nur einen einzigen Kuss hatte sie ihm gestattet, einen kleinen, viel zu kurzen Augenblick der Seligkeit gekostet. Weshalb hatte sie sich ihm nicht hingegeben? Für eine ganze Nacht, für viele Nächte, in denen sie sich hätten treffen können, heimlich, unter irgendwelchen Vorwänden. Hatte es Christian nicht ähnlich gemacht? Das Glück ergreifen, wenn es vorüberging. Vielleicht kam es nie wieder, ein ganzes Leben nicht mehr.
Nein, dachte sie dann. Ich will mir keine Seligkeit auf Kosten eines anderen Menschen erkaufen. Auch wenn George keine Skrupel hat, seine Frau zu betrügen, ich würde Marie niemals ein solches Leid zufügen.
Weshalb hatte ihr niemand davon erzählt, dass Männer ihre Frauen betrogen? Es schien die normalste Sache der Welt zu sein: Jeder tat es, George, Christian, die deutschen Offiziere und Beamten, die daheim Ehefrauen und Kinder hatten. Ob es auch der Großvater in Leer mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen hatte? Und ihr Vater, der oft monatelang auf großer Fahrt gewesen war?
Sie wollte es nicht wissen. Eine tiefe, dunkle Spalte hatte sich vor ihr aufgetan, die Welt war nicht mehr dieselbe, die sie vorher gewesen war. Wo waren ihre Sehnsüchte? Die schönen Träume, die sie als junges Mädchen emporgetragen und beglückt hatten?
Als Kamal Singh Anfang Juni begann, die Träger für die Karawane anzumieten, ging sie zu ihm hinüber, und zum ersten Mal seit Beginn ihrer Bekanntschaft sah sie den Inder fassungslos.
» Das ist unmöglich.«
» Ich bin fest entschlossen.«
Er legte beide Hände an die Schläfen, als wolle er sich die Haare raufen.
» Sie werden sterben, Charlotte!«, rief er. » Es gibt kriegerische Stämme, die den schwarzen Trägern die Weiber rauben. Wissen Sie, was einer weißen Frau geschehen kann, die bei den Dschagga oder den Massai in Gefangenschaft gerät?«
» Ich weiß, dass Sie bewaffnete Männer anmieten, um die Karawane zu schützen.«
» Es ist purer Wahnsinn!«
Sie ließ sich nicht beirren. Es wurde ausgemacht, dass er zwei seiner jungen Leute abstellte, um Klara beim Führen des Ladens zu helfen, dafür erhielt er einen Teil der Einkünfte. Ende Juni würde er alle Träger angemietet haben, dazu die Karawanenführer, die Begleiter, den Koch, die boys, einen Übersetzer und alle anderen, die vonnöten waren.
Charlotte wollte mit der Karawane gen Westen reisen. Sie würde den Kilimandscharo sehen, jenen majestätischen, nebelumwölkten Berg, der schon immer das Ziel ihrer Sehnsucht gewesen war. Danach würde sie entscheiden, wie ihr Leben weitergehen sollte.
Teil III
Juli 1897
Rot glimmende Feuer in tiefer Dunkelheit, der stechende Geruch des Rauchs, schwarze Gestalten im Schein der Flammen, schreiend, zankend, die Fäuste reckend– so ähnlich hatte man ihr die Hölle beschrieben, als sie noch ein Kind war. Charlotte kniete vor ihrem Zelt im taufeuchten Gras und konnte den Blick nicht von dem faszinierenden Schauspiel wenden. Ein Kopfputz aus Federn tauchte auf, die Spitze einer Lanze, eine wallende Antilopenmähne, ein vorbeiwehender roter Umhang. Dazwischen
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