Himmel über Tasmanien
mit ihrem Wagen zu überfahren.«
Molly schnappte nach Luft. »Sie hat es doch nicht gemacht?«
»Sie war nahe dran«, sagte er leise. »Zum Glück ist Lulu nur mit ein paar blauen Flecken und Schrammen davongekommen, aber es hat sie unendlich aufgewühlt.«
Ihr besorgter Ausdruck verwandelte sich in Verachtung. »Also geht’s um Lulu, ja? Hätte ich mir ja denken können,dass es nicht lange dauern würde, bis sie dich um den kleinen Finger wickelt.« Sie hielt inne. »Wie die Mutter, so die Tochter«, murrte sie.
Er verkniff sich die scharfe Entgegnung, denn ihm war klar, dass es sinnlos war. »Sie ist eine nette Lady – und das Wort verwende ich mit Absicht, weil sie genau das ist – eine Lady. Ihre Freundin ist eher wie Eliza, aber sie scheint ganz angenehm zu sein, wenn sie nicht gerade ihre Vornehmheit rauskehrt.«
Mollys Augen wurden schmal. »Sie sind zu zweit?«
»Ja, und sie sitzen da unten im Tal ohne richtige Waschgelegenheit und ohne Transportmittel. Wie zum Teufel kann ich Dolly unser Bad benutzen lassen, wenn ich es Lulu verweigere? Sie kann sich bereits denken, was hier vor sich geht, und über kurz oder lang werden sie eine neue Unterbringung verlangen.«
»Verstehe.« Molly betrachtete ihre Hände, die sie in ihrem Schoß verknotet hatte. Sie hob den Kopf und betrachtete ihn hoffnungsvoll. »Sie können immer noch zu den Gearings.«
»Nein, das können sie nicht«, blaffte er. »Sie haben ein Recht, hier zu sein. Verdammt, Mutter, begreifst du denn nicht, in was für eine unmögliche Lage du mich gebracht hast?« Er atmete ein paarmal tief durch in dem Versuch, ruhig zu bleiben. »Lulu und Dolly sind kultivierte, intelligente junge Frauen. Wir haben sie mit dieser Unterkunft gekränkt und gedemütigt, und ich werde nicht zulassen, dass es so weitergeht.«
»Was genau soll das heißen?« Ihre ganze Haltung drückte Streitlust aus.
»Sie werden hier einziehen«, sagte er mit Nachdruck, »und mit Respekt und guter, altmodischer tasmanischer Gastfreundschaft behandelt, so wie alle unsere Besitzer.«
»Das will ich nicht.«
»Das hast du nicht zu entscheiden.«
»Dann ziehe ich zu Doreen«, erwiderte sie trotzig.
Er brach in schallendes Gelächter aus. »Doreen würde diese Neuigkeit in weniger als zehn Minuten in ganz Tasmanien verbreiten.« Er setzte sich ihr gegenüber, seine Stimme war leise und versöhnlich. »Es hat schon genug Gerede gegeben, Mum, mach es nicht noch schlimmer.«
Sein Blick fiel auf ihre Hände, die jetzt verschränkt auf dem Tisch lagen. »Für uns alle ist kein Platz«, sagte sie ruhig. »Eliza soll bald eintreffen.«
»Ich werde das Gerümpel aus dem kleinsten Schlafzimmer räumen. Da kann sie schlafen.«
»Sie ist den großen Raum gewohnt. Das wird ihr nicht gefallen.«
»Dann muss sie runter in Dads Schuppen ziehen.«
»Du kannst sie doch unmöglich …« Sie biss sich auf die Lippe, denn sie merkte, dass sie ihm in die Falle gegangen war.
»Genau das meine ich«, erwiderte er. »Wenn er für Eliza nicht gut genug ist, dann ist er bestimmt für niemanden gut genug.«
Molly schwieg, während die Uhr tickte, die Hunde unter dem Tisch schnarchten und Dianne fast unbemerkt in den Raum schlüpfte. Molly sah ihn schließlich wieder an, gab sich offensichtlich geschlagen. »Was hältst du von ihr, Joe?«
Er dachte einen Augenblick nach, denn er wollte jetzt nichts Falsches sagen, da es so aussah, als hätte er seine Mutter auf seiner Seite. »Sie ist hochgewachsen und dünn und spricht mit echtem englischem Akzent. Ich vermute, sie ist wohlerzogen, und nach ihrer Kleidung zu urteilen, ist sie nicht arm. Sie kennt sich allerdings mit Pferden aus und hat sich bereits mit Child angefreundet.«
Sie musterte ihn kritisch. »Du magst sie, nicht wahr?«
Er nickte. »Sie ist echt klasse, das steht fest, und ich schätze, du wirst feststellen, dass sie kein bisschen so ist wie Gwen.«
»Trotzdem ist sie ihre Tochter«, sagte sie mit einem Anflug von Trotz, »und das Blut wird sprechen, denk an meine Worte.«
Seufzend nahm Joe ihre Hände. »Gib ihr wenigstens eine Chance, Mum.«
Mollys ausgedehntes Schweigen machte ihn nervös, bevor sie seine Finger drückte und ihm ihre Hände entzog. »Ich werde Dianne veranlassen, das Gästezimmer herzurichten, während du die beiden abholst«, sagte sie geradeheraus.
Dolly schien sich wieder beruhigt zu haben. Sie hatte ihr spärliches Bad genommen, wärmere Kleidung angezogen und sich ein Glas Champagner eingeschenkt. Aber
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