Idol
Sorgen um seine Sicherheit, aber die Signora hat mich beruhigt: der Vizekönig von Neapel hasse
den Papst und werde ihm Marcello niemals ausliefern.
|300| Nun noch einmal zurück zu dem Abend, an dem uns der Lärm um den Vatikan so stutzig machte. Daß es sich um einen Aufstand
handelte, haben wir erst richtig begriffen, als es mit den Musketensalven losging. Zumal kurz darauf großes Durcheinander
in der Engelsburg herrschte, immer wieder Getrappel treppauf, treppab und dumpfes Rollen über uns.
Der Gouverneur, der uns noch nie eines Besuches gewürdigt hatte, erschien ganz überraschend bei uns: ein dicker Mann mit hervortretenden
Augen und falschem, feierlichem Gehabe wie ein Notar.
Er grüßt sehr höflich und sagt:
»Signora, ich bin gekommen, um Euch zu beruhigen. Die Engelsburg ist erwiesenermaßen sicher und solide gebaut. Für Euch besteht
überhaupt keine Gefahr.«
»Aufrichtigen Dank,
signor governatore
«, erwidert die Signora mit höflichem Lächeln, »aber ich hatte überhaupt keine Angst.«
Der Gouverneur ist offensichtlich etwas verwirrt über diese Antwort und auch über die Zurückhaltung der Signora, die sich
mit keinem Wort nach dem Lärm innerhalb und außerhalb unserer Mauern erkundigt.
»Signora«, sagt er, bevor er sich wieder zurückzieht, »es wird eine lange Nacht werden. Wenn Ihr möchtet, lasse ich Euch sogleich
eine kleine Erfrischung bringen.«
Die Signora will schon ablehnen, aber ich bedeute ihr durch Zeichen hinter dem Rücken des Gouverneurs, das Angebot anzunehmen.
»Herzlichen Dank,
signor governatore
«, sagt sie, »ich nehme gern einen Kräutertee.«
Der Gouverneur verneigt sich erneut, macht kehrt und schreitet zur Tür, so als ob auch die Steinplatten unter seinen Schuhen
von der Wichtigkeit seiner Person beeindruckt werden müßten.
Wie ich gehofft hatte, war es das Nönnchen, das uns den Tee brachte. Sie war bleich, und ihre Hände zitterten. Beim Hinausbegleiten
fragte ich sie, was es mit diesem Rollen über uns auf sich habe.
»Unsere Kanonen werden an eine andere Stelle gebracht.«
»Wer sind denn die Belagerer?« frage ich.
»Das kann ich Euch nicht sagen. Doch bestimmt sind es böse Menschen.«
|301| »Verzeiht, Schwester, aber Ihr zittert ja. Fürchtet Ihr um Euer Leben?«
»Nein«, sagt sie tonlos, »ich fürchte die Gewalttätigkeit der Soldaten, falls die Burg gestürmt wird.«
Beinahe will ich schon sagen: »Ach was, das ist gar nicht so schlimm!«, halte aber dann doch meine Zunge im Zaum. Sie ist
ein nettes Mädchen, und ich will sie nicht schockieren. Es geht schon eigenartig zu in der Welt: was dem einen fehlt, macht
dem anderen angst!
Eine halbe Stunde später kommt sie zurück und sagt:
»Signora, auf Befehl des
governatore
soll ich Euch packen helfen. Ihr müßt Euern Wohnsitz wechseln. Dort, wohin man Euch bringt, werdet Ihr sicherer sein.«
Die Signora stellt keine Fragen, und ich auch nicht, obwohl sie mir auf der Zunge brennen. Ich kann mir schon denken, daß
das arme Mädchen unseren Bestimmungsort nicht kennt.
In einer Viertelstunde sind wir fertig und steigen die Treppe hinunter: die Signora, ich und ein Sbirre, der unsere irdischen
Besitztümer hinabträgt. Der Gouverneur läßt sich nicht sehen.
Wir gehen durch eine Pforte hinaus, die innen von einigen Sbirren bewacht wird. Draußen erschallt ohrenbetäubender Lärm, doch
ich habe keine Zeit, etwas zu erspähen, denn kaum zwei Schritte von der Pforte entfernt wartet eine Karosse, leuchtend rot
und vergoldet, soviel ich im Mondschein erkennen kann. Das Wappen auf dem Schlag ist nicht zu sehen, da ein Offizier mit gezogenem
Hut ihn weit aufhält. Rechts und links verstellen Reiter uns die Sicht.
Der Sbirre übergibt einem Soldaten das Gepäck und zieht sich zurück, besser gesagt: er macht sich heimlich aus dem Staub und
knallt die Pforte der Engelsburg hinter sich zu. Die Männer der Eskorte lachen, aber der Offizier bringt sie mit einer Geste
zum Schweigen.
Die Karosse ist mit rotem Samt ausgeschlagen und mit vergoldeten Posamenten verziert – das Ganze wäre eines Kardinals würdig.
Ich vermute, man will uns in irgendeiner Festung eines Prälaten – wie Santa Maria beispielsweise – in Sicherheit bringen.
Aber ich wage nicht zu fragen, da die Signora in königlicher Haltung schweigt, ebenso der schwarz maskierte Offizier uns gegenüber.
Die Karosse rollt sehr schnell. Ich kann nicht sehen, durch |302| welche Straßen wir fahren,
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