Im Bus ganz hinten
gewesen. Er fragte mich, was ich so machte. Von »Fler« hatte er noch nie etwas gehört. Er wusste nicht,
dass ich berühmt war. Wie auch? In der Kneipe bekam man davon vermutlich nichts mit, es spielte einfach keine Rolle. Ich erzählte ihm nicht
allzu ausführlich davon, sagte nur, dass ich Musik machte und es ziemlich gut lief. Das freute ihn. Ganz aufrichtig, wie mir schien. Während
unseres Gespräches klammerte er sich an seiner Bierflasche fest, und seine rechte Hand zitterte dabei ein wenig. Ich blieb nicht allzu lange.
Nach einer halben Stunde konnte ich die Luft in der A bsteige nicht mehr ertragen und machte mich wieder auf den Heimweg.
Zwei Tage später rief er mich noch einmal an: »Ich liebe dich, mein Sohn«, schluchzte er ins Telefon. Das schnürte mir die Kehle zu. Ich war
total überfordert. Davon, diese Worte aus seinem Mund zu hören, hatte ich mein Leben lang geträumt, aber jetzt konnte ich sie irgendwie
nicht mehr annehmen. Sie perlten an mir ab, als wäre ich aus Teflon. Ich konnte nicht sagen, dass ich ihn auch liebte. Das wäre einfach nur
Schwachsinn gewesen. A ußerdem war er besoffen – und das törnte mich ab. Ich wünschte mir insgeheim, ich könnte so etwas wie Liebe für
ihn empfinden, aber mir war auch klar, dass ich mich zu weit von dem kleinen Jungen entfernt hatte, der von diesem Gefühl einmal erfüllt
gewesen war. Ich legte auf. Es war das letzte Mal, dass ich von ihm gehört habe.
Nach dem Telefonat hatte ich das Bedürfnis, ein bisschen spazieren zu gehen. Ich sah aus dem Fenster, es regnete ziemlich heftig, aber das
störte mich nicht. Ich streifte mir einen schwarzen Hoodie über, lief nach draußen und atmete tief durch, während die Tropfen auf mein
Gesicht prasselten. Und plötzlich bekam ich einen dermaßen heftigen Energieschub, dass mir war, als könnte ich die Luft tiefer einatmen als
jemals zuvor. Mein Kopf war vollkommen klar. Ich musste an mich halten, damit ich vor lauter Kraft nicht anfing, mitten am Tag durch Berlin
zu joggen. Mir fiel die Nacht ein, in der ich damals mit Shizoe im Dauerlauf durch die Stadt gerannt war, und mir wurde klar, dass es jetzt
genau umgekehrt war: Ich lief nicht aus Wut und A ngst durch die Straßen, sondern vor lauter Erleichterung. Das Wiedersehen mit meinem
Vater war definitiv nicht so gewesen, wie ich mir das immer erträumt hatte. Er war nun mal ein A lki, und A lkis taugen nicht als Bezugsperson.
Die Vaterrolle war zu groß für ihn – damals wie heute. Das wirklich Großartige war jedoch, dass ich inzwischen mein eigenes Leben führte, in
das ich eintauchen konnte, während er sich wieder in seine Eckkneipe verzog. Damals hatte ich mit meiner Mutter am Küchentisch gesessen
und gehofft, dass er kommen und mir den Weg in die Welt hinaus zeigen würde. Jetzt ging ich längst auf diesem Weg.
Ich war unglaublich zufrieden. Ich hörte den Lärm der A utos und sah, wie nach und nach die Lichter über den Schaufenstern eingeschaltet
wurden. Berlin war mal wieder die geilste Stadt der Welt. Meine A ir Max federten locker auf dem A sphalt. Ich kam vor meiner Haustür an, zog
meinen Schlüsselbund aus der Hosentasche und schloss auf. A ls ich die Treppen hochlief, fühlte ich den Frieden in mir. Ich spürte in diesem
Moment nicht den geringsten Rest von Wut in meinem Bauch.
Songtext – »Schwer erziehbar 2010«
Strophe 1
Heute weiß ich, das Leben ist kein Ponyhof.
Ich wünsche mir zu Weihnachten, hoffentlich ist Papi tot.
Und meine Mutter, ich hoffe, sie ist stark genug
Und leidet eine Weile.
Der Track hier ist mein Tagebuch.
Ich schreib es auf, ich hab keine Mutter mehr,
Doch in der Bibel steht, man soll Vater und auch Mutter ehren.
Ich sag danke, danke für das Ritalin,
Später dann das Taxilan,
Danke für die Medizin.
Danke, Mama, ich sag’s dir ins Gesicht,
27 Jahre Mann, ich danke dir für nichts.
Denn du hast nie an mich geglaubt, mich niemals aufgebaut.
Ich hab dir nie was anvertraut, niemals zu dir aufgeschaut.
Ich denke nach und merk, wie es mich runterzieht,
Wenn du nicht weißt, nicht weißt, ob dich die Mutter liebt.
Du denkst an dich, und ich bin dir scheißegal.
Gefahr für die Gesellschaft? Ich hatte keine Wahl!
Refrain
Schwer erziehbar, weil ich immer noch nicht artig bin,
Schwer erziehbar, keiner spielt mehr mit dem Straßenkind,
Schwer erziehbar, Mama, heute Nacht enttäusch ich dich.
Ich bin wie ein Teufel, ich weiß, du bist nicht stolz auf mich.
Schwer erziehbar,
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