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Im Rausch der Freiheit

Im Rausch der Freiheit

Titel: Im Rausch der Freiheit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Edward Rutherfurd
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geworden, und jedes größere Unternehmen unterhielt dort eine Geschäftsstelle. Kupfer- und Silbermagnaten, Eisenbahnbesitzer, Öltycoone wie Rockefeller aus Pittsburg, Stahlmagnaten wie Carnegie und Kohlenbarone wie Frick aus dem Mittleren Westen und dem Süden und sogar aus Kalifornien strömten sie alle nach New York. Sie waren unvorstellbar reich, und sie konnten tun, was immer sie wollten.
    Doch Geld allein, befanden Mrs Astor und ihr Mentor, war nicht genug. Geld musste gelenkt, gezähmt, zivilisiert werden. Und wer sollte das leisten, wenn nicht die alte Garde? An der Spitze der Gesellschaft musste es also eine Kerntruppe der Besten geben, die alte Geldaristokratie, die die neureichen Familien nur langsam, eine nach der anderen, in den erlauchten Kreis einlassen würde. McAllister legte als Mindest-Voraussetzung drei nachprüfbare Generationen fest. Es waren dieselben Ansprüche, die das britische House of Lords seit Jahrhunderten stellte.
    Man musste zugeben, dass Mrs Astors Listen eine bemerkenswerte innere Logik aufwiesen. Da gab es zum einen natürlich die sehr, sehr reichen neueren Reichen, von den Astors selbst bis hin zu den Vanderbilts als den jüngsten Neuzugängen. Da gab es zum anderen das alte, solide Geld der Familien Otis, Havemeyer und Morgan und den ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Landadel wie etwa die Rutherfurds und die Jays. Und über die ganze Liste verstreut fanden sich große Namen, die ins 17. Jahrhundert und in die allerersten Anfänge der Kolonie zurückreichten: Van Rensselaer, Stuyvesant, Winthrop, Livingston, Beekman, Roosevelt. Wenn Mrs Astor beabsichtigt hatte, den unaufdringlichen Reichtum des alten New York als Beispiel dafür hochzuhalten, wie man es richtig machte, dann musste man zugeben, dass es ihr glänzend gelungen war.
    Als Rose ihren künftigen Ehemann William kennenlernte, war das Erste, was sie erfuhr – sogar noch vor seinem unbezahlbaren zweiten Namen –, die Tatsache, dass die Masters mit ihrem alten Geld auf Mrs Astors Liste standen. Und als, nach ihrer Heirat, die alte Mrs Astor sie unter ihre Fittiche nahm, wurde Rose zu einer gläubigen Jüngerin. Manch einen Nachmittag saß sie zu ihren Füßen, um die Feinheiten der gesellschaftlichen Etikette zu lernen.
    Nur eine einzige dieser Regeln hatte ihr Schwierigkeiten verursacht.
    »Mrs Astor sagt«, erklärte sie William, »dass man die Oper immer nach Beginn der Vorstellung betreten und vor dem Ende verlassen sollte.«
    Das war eine interessante Idee, die man aus dem alten Europa importiert hatte, wo die feine Gesellschaft nur in die Oper ging, um gesehen zu werden. Wenn die Künstler je das Glück haben sollten, vor einem ausschließlich aus Aristokraten bestehenden Publikum aufzutreten, so würden sie vermutlich unmittelbar vor der Schlussszene einen Massenauszug erleben, der ihnen gestattete, ihre Gesangspartien vor einem leeren Haus zu beenden – und damit, höchst willkommenerweise, die lästigen Vorhänge und Blumen zu umgehen.
    »Ich werde den Teufel tun und die Ouvertüre und das Finale auslassen, nachdem ich gutes Geld dafür bezahlt habe«, hatte ihr Mann vernunftbestimmt erwidert. Er hätte hinzufügen können, dass vorzeitiges Verlassen der Kulturstätte eine Beleidigung der Musik, der Künstler und des übrigen Publikums darstellte. Aber er war klug genug zu wissen, dass es – wenigstens zum Teil – genau darum ging. Von Aristokraten wurde erwartet, dass sie über alle Musik erhaben waren und sich keinen Pfifferling um die Gefühle der Künstler oder des Publikums scherten. »Du kannst gehen«, hatte er ihr gesagt, »aber ich bleibe.«
    Und tatsächlich hätte vielleicht auch Rose gezögert, sich dieser Konvention zu beugen, wäre ihre Treue zu Mrs Astor nicht so bedingungslos gewesen.
    Sie und William fanden allerdings einen Kompromiss. Rose ging von da an unmittelbar vor Ende der Oper und wartete, ein paar Schritte vom Eingang entfernt, in der Equipage, sodass sie, sobald William zugestiegen war, rasch die Kutschen der weniger Kultivierten hinter sich lassen konnten.
    *
    »Wenn ich nur daran denke, wie Mrs Astor von ihrer eigenen Familie behandelt wurde«, beteuerte Rose jetzt Hetty Master gegenüber, »fängt mein Blut an zu kochen!«
    Der Übeltäter war Mrs Astors Neffe. Er hatte im Haus nebenan gewohnt. Und weil sein Vater gestorben war und er – als Erbe des ältesten Sohnes von John Jacob Astor – streng genommen behaupten konnte, nunmehr der Chef der Astor-Dynastie zu sein,

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