Im Rausch der Freiheit
Motor. Die kommen, schätze ich mal, auf knapp tausend britische Pfund. Dann gibt man bei einem Karosseriebauer die Karosserie nach eigenen Wünschen in Auftrag – das macht weitere hundert oder so, dazu noch ein paar weitere Aufwendungen hinzu. Alles in allem vielleicht zwölfhundert Pfund.«
»Wie viele Dollar gehen auf ein Pfund, William?«
»Das Pfund steht bei vier Dollar und sechsundachtzig Cent.«
»Das sind ja sechstausend Dollar! Kein Mensch wird so viel dafür bezahlen!«
William hatte nichts entgegnet. Letzte Woche war die Sendung im Hafen eingetroffen.
»Ich hab meinen wie Johnsons ausstatten lassen: Silberlackierung, versilberte Lampen und Beschläge. Johnson bevorzugte grüne Ledersitze, aber ich habe mich für rote entschieden. Ich werde ihn ebenfalls Silver Ghost nennen. Ist er nicht ein Prachtstück?«
Den ganzen Rest der Woche fuhren William und der Chauffeur den Wagen gemeinsam. Gestern hatte der Chauffeur ihn zum ersten Mal allein fahren dürfen. Und heute saß Rose im Fond und fühlte sich wie eine Herzogin, als sie die Fifth entlang zum Gramercy Park gefahren wurde.
Als sie am Haus ankam, wartete Hetty Master bereits. Sie inspizierte das Automobil mit sichtlichem Interesse, fragte nach dem Preis und sagte: »Das kann ich nicht gutheißen.« Dennoch stieg sie durchaus vergnügt ein. Manchmal nahm sie ihre Freundin Mary O’Donnell mit auf diese Spazierfahrten, aber heute war sie allein.
»Wohin wollen wir fahren?«, fragte Rose.
»Das sage ich dir unterwegs«, antwortete die alte Dame. »Zuerst holen wir Lily ab.«
Rose hütete sich, zu viele Fragen zu stellen, und während sie die Fifth wieder hinaufglitten, war es Hetty, die den Gang der Konversation bestimmte. Von der 20th bis zur 29th wollte sie alles über die Kinder wissen. Auf Höhe der 30th bemerkte sie, das Automobil sei zweifellos sehr komfortabel, aber viel zu teuer, und sie werde den jungen William ermahnen müssen, dass er zu verschwenderisch sei. Erst als sie die 34th erreichten, unterbrach Rose sie. Und zwar mit einem Stöhnen.
»Selbst noch nach zehn Jahren«, erklärte sie dann und wedelte mit ihrer behandschuhten Hand in Richtung eines prunkvollen Gebäudes, »ertrage ich es nicht, wenn ich an den Skandal und an meine arme, liebe Mrs Astor denke, es auch nur anzusehen. Du etwa?«
Sie passierten gerade das Waldorf-Astoria Hotel.
*
Natürlich gab es mehrere Astor-Ehefrauen, aber während Roses ganzer Kindheit und Jugend war kraft allgemeinen Konsenses nur eine – Caroline Schermerhorn Astor – die Mrs Astor gewesen. Die göttliche Mrs Astor. Roses Heroine, Mentorin und Freundin.
Sie war sehr, sehr reich. Sie und ihr Mann hatten einen der zwei Astor-Paläste bewohnt, die früher auf diesem Grundstück standen. Aber während die Astors sich emporarbeiten mussten, bis sie reich und etabliert genug waren, um die Führung der New Yorker Gesellschaft zu übernehmen, konnte Caroline aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer niederländischen Familie – den Schermerhorns –, die sich bis zur Gründung der Stadt zurückverfolgen ließ, diesen Status als ihr Geburtsrecht beanspruchen. Und mit all dieser Macht, die ihr zu Gebote stand, hatte Mrs Astor eine wahre Heraklesarbeit auf sich genommen: Sie wollte der Upper Class von New York den noch fehlenden Schliff geben.
Durch Zufall fand sie einen Helfer, Mr Ward McAllister, einen Südstaatengentleman, der Geld geheiratet und Europa bereist hatte, um den Lebensstil der Aristokratie zu studieren. Er erklärte Mrs Astor – die klein, brünett und eher füllig war – zu seiner »Muse«, und gemeinsam machten sie sich daran, der New Yorker Gesellschaft mehr Stil beizubringen.
Nicht dass Amerika der Begriff der Klasse fremd gewesen wäre. Boston, Philadelphia und andere elegante Städte, darunter auch New York, versuchten bereits eine dauerhaftere Ordnung zu etablieren, indem sie »Gesellschaftsregister« erstellten. In New York wussten die alteingesessenen niederländischen Grundbesitzer und die fast ebenso alten englischen Kaufmannsfamilien mit ihren Logen in der Academy of Music durchaus, was Exklusivität bedeutet. Obwohl Mr A.T. Stewart, der Kaufhausbesitzer, ein Vermögen gemacht und sich einen Palast an der Fifth Avenue gebaut hatte, war er ihnen nicht Gentleman genug gewesen, und sie ignorierten ihn so grausam, dass er die Hoffnung aufgab und das Feld räumte.
Mit seinen Banken und seinen transatlantischen Verbindungen war New York zum Finanzzentrum des Kontinents
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