Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition)
Cole.«
»Copyshop«, berichtigte Ryan. Er nickte Vivian zu. »Hi!«
»Hi!«, sagte Vivian. Sie musterte ihn mit unverhohlener Neugier. Sie war Noras beste Freundin, Nora hatte oft von ihr gesprochen. Sie holte Nora jeden Morgen zur Arbeit ab, und bislang war es Ryan stets gelungen, schon fort zu sein, ehe sie kam. Ihm war klar, dass sie in jedes Detail ihrer Beziehung eingeweiht war, vom ersten Brief über das erste persönliche Kennenlernen bis hin zu seinem Einzug in Noras Wohnung. Seine Sehnsucht nach Flucht verstärkte sich.
»In einem Copyshop?«, fragte Harry und runzelte die Stirn. Ryan hatte eigentlich Mitleid mit ihm gehabt, aber nun fand er ihn unsympathisch. Harry kam mit seinem Leben nicht klar und suchte nach Menschen, denen es noch schlechter ging als ihm. »Ist das denn ein richtiger Beruf?«
»Mir macht das Spaß«, log Ryan.
Harry schüttelte den Kopf. »Ja, aber das ist doch nichts, was man sein Leben lang …«
»Die Frage stellt sich doch gar nicht, Harry«, unterbrach ihn Vivian. Sie lächelte. Ryan hatte den Eindruck, nie zuvor ein so falsches Lächeln gesehen zu haben. »Ryan war sehr froh, überhaupt eine Arbeit zu finden, nehme ich an.«
»Vivian …«, meinte Nora unbehaglich.
»Wieso?«, fragte Harry.
»Wusstest du das nicht?«, fragte Vivian. Ihr Erstaunen war gespielt, schlecht gespielt, wie Ryan fand. Am Theater sollte sie sich besser niemals bewerben.
»Nein. Was denn?«, gab Harry zurück. Er wartete jetzt auch auf eine Enthüllung.
»Also, es ist ja kein Geheimnis, Nora, nicht wahr? Nora steht total dazu. Ryan war ja im Gefängnis. Dort haben sie sich kennengelernt.«
»Du warst im Gefängnis, Nora?«, fragte Harry völlig perplex und viel zu laut. Plötzlich verstummte ringsum das Stimmengewirr. Das Wort Gefängnis mit erhöhter Lautstärke vorgetragen, hatte ausgereicht, den Lärm, der zuvor undurchdringlich schien, abrupt enden zu lassen.
Vivian lachte. »Natürlich nicht. Sie hat Ryan über so einen Verein kennengelernt … der Kontakt zu Strafgefangenen vermittelt. Zu solchen, die keine Familie haben und keine Briefe bekommen und keinen Besuch und so.«
»Echt?« Harry wirkte erschüttert. Offensichtlich hatte er ein ganz anderes Bild von Nora gehabt. Ryan merkte, wie seine Hände nass wurden. Es fehlte nicht viel, und ihm würde das Bierglas aus den feuchten Fingern zu Boden rutschen.
»Weshalb warst du denn im Gefängnis?«, wollte eine andere Frau wissen.
»Schwere Körperverletzung«, erklärte Vivian.
Schweigen. Niemand konnte einen Schritt zurücktreten, dafür standen sie zu dicht, aber trotzdem hatte es für Ryan den Anschein, als rückten sie alle von ihm ab. Innerlich zumindest. Er war plötzlich noch einsamer als zuvor.
»Ich habe nicht vorsätzlich gehandelt«, erklärte er. »Eigentlich war es ein Missgeschick.«
»Aber wegen eines Missgeschicks kommt man doch nicht ins Gefängnis«, meinte Harry.
Wie sollte er erklären, was damals passiert war? Er schaute in all diese Gesichter und hatte auf einmal den Eindruck, er werde sich sowieso in seinen Ausführungen verheddern. Er sah … Neugier. Schadenfreude. Abscheu. Sensationslust. Und über alldem eine grausame Gleichgültigkeit. Stumpfsinn. Glotzaugen ohne Gefühle.
»Ich … nun, es war …«, setzte er an, aber da vernahm er mit einem Mal Noras Stimme. Er hatte zuvor nicht bemerkt, dass sie nicht mehr vor ihm stand, sondern sich inzwischen neben ihn geschoben hatte. Buchstäblich und für jeden ihrer Freunde und Kollegen sichtbar stand sie nun an seiner Seite.
»Das Gesetz macht einen großen Unterschied in der Frage, ob jemand vorsätzlich und in böser Absicht handelt oder nicht«, erklärte sie. »Ryan wurde zu vier Jahren Haft verurteilt und nach zweieinhalb Jahren auf Bewährung entlassen. Es hätten bis zu fünfundzwanzig Jahre sein können, wenn das Gericht einen Vorsatz festgestellt hätte.«
Alle starrten sie an.
»Na ja, aber am Ende war jedenfalls jemand sehr schwer verletzt«, meinte Vivian spitz. Sie lächelte jetzt nicht mehr. »Vorsatz oder nicht!«
»Wenn ich dir eine knalle«, sagte Nora, »habe ich nicht vor, dich ins Krankenhaus zu bringen. Tatsächlich kannst du aber stolpern, ausrutschen, mit dem Kopf gegen eine Kante schlagen und dich dabei erheblich verletzen. Niemand wird sagen können, dass ich das gewollt habe.«
»Also, nach allem, was du mir erzählt hast, ging es in Ryans Fall bei Gott nicht um eine einfache Ohrfeige. Es war eine Kneipenschlägerei, soviel ich
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