Indische Naechte
Erklärung«, fand Laura. »Viel besser, als zu glauben, daß mein Onkel einen Tempel ausgeplündert hat.«
Ian lächelte ein wenig und berührte einen gewaltigen Saphir mit der Fingerspitze. »Er hat schließlich gesagt, daß die Mühen der Reise nach Dharjistan es wert sind, nicht wahr?«
Laura nahm eine Handvoll Juwelen auf und beobachtete, wie sich das Lampenlicht darin brach. »Es ist jedenfalls eine unerwartete Mitgift.«
»Abgesehen davon hätte es dich zu einer Frau gemacht, die finanziell unabhängig leben konnte, statt Gouvernante zu werden.« Ian empfand einen heftigen Stich, als er die Steine musterte. Es war ihm ein Trost gewesen, daß die Ehe Lauras wirtschaftliche Situation verbessert hatte. Doch nun war seine finanzielle Unterstützung etwas, das sie nicht mehr brauchte. Ihr Vermögen durfte sogar größer sein als seines.
Laura sah ihn an, und in ihren orientalischen Augen leuchtete bernsteinfarbenes Licht. »Wenn du nicht gewesen wärest, Duschenka, dann hätte ich hiervon nie erfahren. Die Schatulle wäre bis in alle Ewigkeit in Rajiv Singhs Schatzkammer geblieben.«
Sie hatte so ein untrügliches Gespür dafür, zu wissen, was er empfand, daß er sich fast entlarvt fühlte. Eines Tages würde sie sogar in seine verborgensten Gefühle eindringen. Doch nun lächelte er sie nur unsicher an. »Wie schaffst du es bloß, mich so zu durchschauen, Larischka?«
»Das ist das russische Talent«, sagte sie aufgeräumt. »Es weckt stets Entsetzen in den Herzen der Verstandesmenschen.«
»Du weckst bestimmt Entsetzen in meinem Herzen«, sagte er nur halb im Scherz. Dann nahm er den größten Topas der Edelsteinsammlung in die Hand und hielt ihn ihr an den Hals. »Was immer du mit den anderen Steinen machen willst, dieser hier muß zu einem Anhänger für dich gemacht werden. Ich bezahle für die Fassung und lasse passende Ohrringe anfertigen.«
»Das gefällt mir«, murmelte Laura und hielt seinen Blick fest. Augen von Gold, Ambra und Sherry, tief genug, um einen Mann zu betäuben. Lippen, so voll und weich und einladend — und die geküßt werden wollten.
Ian konnte seinen Blick nicht abwenden. Es war verfrüht gewesen, sich zu seiner Selbstbeherrschung zu gratulieren. Seine Frau konnte in einem vollgestopften Ballsaal die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich ziehen, aus dieser Nähe war ihre Sinnlichkeit verheerend.
Obwohl ihr Verstand es nicht zu merken schien, schrie ihr ganzer Körper nach Liebe. Wenn er sie küßte, würde sie erschaudern, gefangen zwischen Verlangen und Abscheu, doch sie würde sich ihm nicht entziehen. Statt dessen würden ihre Arme sich langsam um ihn schlingen, dann würde ihre Leidenschaft unbeherrscht aufflammen, heiß, hitzig und gewaltig wie detonierendes Schießpulver.
Es war ganz einfach, bis beide ihre Lust befriedigt hatten. Danach würde sie sich selbst und ihn hassen.
Für Ian wäre es leichter. Er würde nur sich selbst verabscheuen.
Warum mußte es so quälend schwierig sein, das Richtige zu tun? Es kostete ihn jeden Fetzen Disziplin, von ihr zurückzuweichen und ruhig zu sagen: »Es ist wohl am besten, wenn wir die Steine fürs erste wieder verstauen, wo wir sie gefunden haben.« Er zwang sich, seinen Blick von seiner Frau zu lösen, und begann, die Juwelen wieder in der Baumwolle zu vergraben. Wie dumm, daß sein Begehren nicht ebenso einfach wegzupacken war.
Kapitel 24
Die weite Ebene außerhalb Manpurs war bedeckt von wirbelnden Staubwolken, verursacht durch Pferdehufe und Soldatenfüße. Diejenigen aber, die der Parade vom Elefantenrücken aus zusahen, spürten sehr wenig davon. Ians Sicht hätte nicht besser sein können, denn er saß im Howdah des Maharadjas von Dharjistan.
Seit sie in Manpur angekommen waren, hatte Ian viel Zeit mit Rajiv Singh verbracht und mit ihm Diskussionen über Kriegskunst geführt. In der Folge war eine ernsthafte, wenn auch stets durch ein wenig Wachsamkeit geprägte Freundschaft zwischen den beiden Männern entstanden. Der gegenseitige Respekt und die Zuneigung wurde durch die Gewißheit gedämpft, daß sie beide nicht immer die gleichen Wertmaßstäbe und Loyalitäten besaßen. Daher war ihre Unterhaltung stets mit verbalen Sperren durchzogen, die nur halb im Spaß gemeint waren.
Auf der Ebene bedeutete gerade das letzte der Infanterieregimente seine Übungen und zog ab, um von einem Bataillon Ulanen abgelöst zu werden. Im vollen Galopp heranreitend, bogen die Soldaten schließlich nach rechts ab, ohne daß ihre
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