Italienische Novellen, Band 2
worden. Sobald man mit der Jungfrau dabei angekommen war, hatte Bruder Lorenzo unverzüglich Tebaldos Leichnam etwas beiseite schaffen lassen, der, weil er sehr mager gewesen und bei seinem Tode alles Blut verloren hatte, noch wenig angefault war und nicht stark roch, und war desgleichen, als mit dem Amte der Bestattung beauftragt, besorgt gewesen, alles ausfegen und abstauben sowie auch den zarten Körper der Scheintoten sanft niederlegen und ihm ein Kissen unter den Kopf tun zu lassen, worauf das Gewölbe wieder verschlossen worden war.
Sowie nun Pietro zu Romeo kam, den er noch im Bette antraf, und vor ihm stand, vermochte er vor unendlichem Schluchzen und Weinen kein Wort vorzubringen. Darüber äußerst verwundert und nicht im geringsten das Geschehene ahnend, sondern eher anderer Unfälle gewärtig, sprach Romeo: »Pietro, was hast du? Was für Nachrichten bringst du mir aus Verona? Wie geht es meinem Vater und den Meinigen? Sprich! Laß mich nicht länger in Ungewißheit! Was kann es sein, das dich in solche Betrübnis versetzt? Geschwinde, sag es heraus!« – Und so tat Pietro am Ende seinem Schmerze Gewalt an und meldete ihm mit schwacher, oft unterbrochener Stimme den Tod seiner Julia, deren Beerdigung er mit angesehen habe, und von der das Gerücht umliefe, daß sie aus Gram gestorben sei.
Auf diese grausame und entsetzliche Kunde blieb Romeo eine lange Weile seines Bewußtseins beraubt. Dann sprang er wie unsinnig aus dem Bette und rief: »Oh, du Verräter, Romeo! Du Treuloser! Eidbrüchiger! Undankbarster aller Undankbaren! Es ist nicht der Gram, der sie getötet hat, – der tötet niemand; sondern du, Grausamer, selbst, du bist ihr Henker und Mörder geworden. Schrieb sie es dir denn nicht, daß sie lieber sterben als einen anderen heiraten wollte, und daß du sie um jeden Preis aus ihrem väterlichen Hause erretten solltest? Und du Liebloser, Träger, Verachtungswürdiger! Du gabst ihr dein Wort darauf und versprachst ihr, zu kommen und alles zu tun, sie solle nur getrosten Mutes sein, und schobst es doch von einem Tage zum anderen auf, ohne dich zur Tat zu entschließen! Jetzt hast du die Hände noch im Schoße liegen, und Julia ist tot. Julia ist tot! Und du lebst? Oh, Elender! Wie viele Male hast du es ihr gesagt und geschrieben, daß du nicht ohne sie leben könntest? Und desungeachtet bist du noch am Leben! Wo, denkst du, daß sie sei? Sie irrt hier immer umher und erwartet, daß du ihr folgst, indem sie bei sich spricht: ›Siehe da, den lügnerischen, falschen Liebhaber und ungetreuen Gatten, der nach der Kunde von meinem Tode noch leben kann!‹ Oh, verzeih! Verzeihe mir, mein teuerstes Weib! Ich gestehe dir mein schweres Verbrechen ein. Da denn aber der Schmerz, den ich über deinen Verlust empfinde, wie herbe er mir auch sei, mir doch nicht tödlich wird, so will ich selbst sein Amt vollziehen und – ihm und dem Tode, die mich schonen wollen, zum Trotz – mein Leben mit meiner eignen Hand beenden.«
Darauf griff er nach dem Schwerte, das am Kopfende seines Bettes stand, riß es aus der Scheide und setzte sich die Spitze gerade auf sein Herz. Sein getreuer Pietro war jedoch behende genug, ihm die Waffe, ehe er sich damit verwunden konnte, zu entwinden, tadelte ihn sodann bescheidentlich ob seines törichten Beginnens und suchte ihn nach seinem Vermögen zu trösten, indem er ihn ermahnte, sich in das Unwiderrufliche geruhig zu schicken.
Romeo war infolge des über ihn gekommenen plötzlichen Schreckens in seinem Innern fast versteinert und zu Marmor geworden, und es entrann seinen Augen keine einzige Träne. Wer ihm ins Antlitz gesehen hätte, würde zweifelhaft gewesen sein, ob er mehr einer Statue oder einem Menschen gliche. Nicht lange aber währte es, so entströmten ihm seine Tränen in solcher Fülle, daß gleichsam seine Augen zwei natürliche Springquellen zu sein schienen und die Worte, die er unter unablässigem Seufzen und Schluchzen sprach, wohl demantharte Herzen hätten rühren mögen. Als dann sein innerer Schmerz anfing, sich nach außen zu entladen, so ließ Romeo sich wieder von seiner heftigen Leidenschaft überwältigen und begann, bösen, seinem Leben mit Verderben drohenden Gedanken in sich Raum zu gestatten. Allerdings ließ er sich seine wilden Entschließungen vor niemand merken und sprach kein Wort davon aus, sondern verstellte sich, damit ihn Pietro nicht zum zweiten Male in seinem Tun störe oder etwa ein anderer ihm daran hinderlich würde. Er befahl
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