Jack McEvoy 01 - Der Poet
handelte.«
»Also, ich glaube, ich war noch nicht völlig überzeugt, bis ich eben Ihre Geschichte gehört habe«, sagte Grayson. »Jetzt glaube ich, dass dieser ... Poet auch in unserem Fall der Täter ist. Wir hatten zunächst lediglich Bedenken und entschieden uns schließlich dafür, es als Mord einzustufen - aus drei Gründen. Der eine war, dass Bills Haar, als wir ihn fanden, auf der falschen Seite gescheitelt war. Während der ganzen zwanzig Jahre, die er bei uns gearbeitet hat, trug er seinen Scheitel immer links. Jetzt war er plötzlich rechts. Nur eine Kleinigkeit, aber es gab noch zwei andere Dinge. Die nächste Unstimmigkeit ergab sich bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung. Wir ließen den Mund auf Pulverrückstände untersuchen, um zu erfahren, ob die Waffe in seinem Mund gewesen oder ein paar Zentimeter davon entfernt abgefeuert worden war. Wir fanden die Pulverrückstände, aber wir fanden auch Waffenöl und eine Substanz, die wir bisher noch nicht eindeutig identifizieren konnten. Solange wir keine Erklärung dafür haben, widerstrebt es mir, seinen Tod für Selbstmord zu halten.«
»Was können Sie mir über die Substanz sagen?«, fragte Thompson.
»Irgendein Extrakt aus einem tierischen Fett. Außerdem enthielt sie pulverisiertes Silikon. Es steht auch in dem Autopsiebericht.«
Die Art, wie Thompson Backus einen Blick zuwarf und dann wieder wegschaute, schien ein stummer Hinweis darauf zu sein, dass er Bescheid wusste.
»Sie wissen, worum es sich handelt?«, fragte Grayson, der den Blick offensichtlich ebenfalls bemerkt hatte.
»Nicht auf Anhieb«, sagte Thompson. »Ich werde die Details an das Labor in Quantico übermitteln und die Kollegen bitten, sie durch den Computer laufen zu lassen. Sobald ich Genaueres weiß, geben ich Ihnen Bescheid.«
»Was war der dritte Grund?«, wechselte Backus das Thema.
»Der dritte Grund wurde von Jim Beam geliefert, Orsulaks altem Partner. Er ist jetzt im Ruhestand.«
»Heißt er wirklich Jim Beam?«, fragte Walling.
»Ja, der Beamer. Er hat mich von Tucson aus angerufen, als er das mit Bill erfuhr, und fragte, ob wir die Kugel gefunden hätten. Ich sagte natürlich, dass wir sie aus der Wand hinter seinem Kopf herausgeholt haben. Da wollte er wissen, ob sie aus Gold sei.«
»Aus Gold?«, fragte Backus. »Aus echtem Gold?«
»Ja. Eine goldene Kugel. Ich sagte, nein, es sei eine Bleikugel gewesen, wie alle anderen in seinem Magazin. Genau wie die, die wir aus dem Fußboden geholt haben. Wir vermuten, dass der Schuss in den Boden der erste war, ein Nimm-deinen-Mut-zusammen-Schuss. Aber dann behauptete der Beamer, dass es kein Selbstmord gewesen sei, sondern Mord.«
»Und woher wusste er das?«
»Er und Orsulak haben viele Jahre lang zusammengearbeitet, und er wusste, dass Orsulak hin und wieder ... Verdammt, es gibt vermutlich keinen Cop, der nicht von Zeit zu Zeit daran denkt.«
»Sich umzubringen«, sagte Walling. Eine Feststellung, keine Frage.
»Stimmt. Und Jim Beam erzählte mir, dass Orsulak ihm einmal eine goldene Kugel gezeigt hat, die er sich irgendwoher beschafft hatte, von einem Versandhaus oder so. Und er hat zu Beam gesagt: >Das ist mein goldener Fallschirm. Wenn ich es nicht mehr aushalte, dann nehme ich die.< Also, wie der Beamer gesagt hat - keine goldene Kugel, kein Selbstmord.«
»Haben Sie die goldene Kugel gefunden?«
»Ja. Nachdem wir mit Beam gesprochen hatten, haben wir sie gefunden. Sie lag im Nachttisch neben seinem Bett. Griffbereit, falls er sie je brauchen sollte.«
»Und das hat Sie überzeugt.«
»Die drei Dinge zusammengenommen deuteten auf Mord hin. Aber wie ich bereits sagte, restlos überzeugt war ich nicht, bis Sie Ihre Geschichte erzählten. Jetzt habe ich einen Ständer wegen diesem Poeten, so groß wie ... Entschuldigen Sie, Agent Walling.«
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Was diesen Kerl betrifft, haben wir alle einen Ständer. Hat Ihr Kollege eine Botschaft hinterlassen?«
»Ja, und aus diesem Grund ist es mir auch schwer gefallen, es für Mord zu halten. Es gab eine Botschaft, und zwar in Bills eigener Handschrift.«
Walling nickte, als sei das, was er gerade gesagt hatte, keine Überraschung.
»Wie lautete die Botschaft?«
»Sie war irgendwie unverständlich. Wie aus einem Gedicht. Sie hieß - einen Moment. Agent Thomas, würden Sie mir bitte für einen Augenblick die Akte überlassen?«
»Thompson«, sagte Thompson, als er sie ihm aushändigte.
»Entschuldigung.«
Grayson
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